Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung – was ist das genau? Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist in jedem Menschen angelegt. Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind die Basis für Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist Antrieb für spirituelle Erforschung und inneres Wachstum, für Individualisierung, für die Suche nach Sinn und Tiefe. Die Definitionen von Selbstverwirklichung fallen unterschiedlich aus. Östliche traditionelle Weisheitslehren betonen den "weglosen Weg" zur tiefen Erkenntnis der Einheit mit der Quelle, dem göttlichen Seinsgrund jenseits von Zeit und Raum. In westlicher Philosophie und Psychologie geht es bei Selbstverwirklichung um Transformation des Egos und um Evolution, darum, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Der Integrale Ansatz von Ken Wilber vereint beide Ansätze – also Sein und Werden – und definiert Selbstverwirklichung als Zusammenwirken von nondualer Zustandserfahrung und Bewusstseinsentwicklung in der Dualität der materiellen Welt. Erst das "Sowohl-als-auch" horizontaler und vertikaler Selbstverwirklichung (Wilber-Combs-Raster) ergibt also aus integraler Sicht eine wirklich umfassende Form der Selbstverwirklichung.



Entdecke die Möglichkeiten

Wir alle kennen diesen Werbeslogan eines weltweit bekannten Unternehmens. Doch was hat dieser Slogan mit dem Thema "Selbstverwirklichung" zu tun?  Von Christiane Biemer, Diplom-Pädagogin, Psychologin, systemische Familien- und Paartherapeutin, Bielefeld

Im Laufe seines Lebens kommt fast jeder Mensch mindestens einmal an einen Punkt, an dem er zunächst nur vage und schließlich immer deutlicher spürt: so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Das kann sich auf den Beruf, die Partnerschaft, Familie oder ganz individuelle Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen beziehen. Irgendwann wird die Unzufriedenheit so groß, dass sie mich antreibt, etwas in meinem Leben zu verändern. Oft ist es sinnvoll, sich zur Wegbegleitung professionelle Hilfe zu suchen. Denn: Was genau hindert einen Menschen daran, bestimmte Dinge für sich zu verändern? Vielfach sind es alte Glaubenssätze und Restriktionen aus der Herkunftsfamilie, die weiterhin wirksam sind und Weiterentwicklung erschweren. Die Offenlegung und Bewusstmachung ist das Eine. In einem nächsten Schritt geht es darum zu prüfen, inwieweit diese "alten", bislang übernommenen Sichtweisen … in mein heutiges Leben passen, was ich ablegen möchte, weil es mich in meiner weiteren Entwicklung hemmt. Am Ende ist es wichtig, mir selbst die "Erlaubnis" zu geben, neue Wege zu gehen.


Das Leben steckt voller Schwierigkeiten – aber es findet trotzdem statt!

Als Menschen können wir gar nicht anders, als unser Selbst zu verwirklichen. Jeder Mensch, ganz egal was er tut und wie er es tut, ist in jedem Moment seines Lebens dabei, sich zu verwirklichen Von Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld

Das essentielle Selbst ist der Same unseres Menschseins, in uns angelegt, um zu keimen, zu wachsen und zu blühen. C. G. Jung prägte dafür den Begriff der Individuation, was nichts anderes bedeutet, als ganz und gar der oder die zu werden, die ich bin. Sowie eine Birke auch nur eine Birke und ein Gänseblümchen ein Gänseblümchen werden kann. Die Bedingungen, in denen wir aufwachsen, prägen in großem Maße dieses Wachstum. Wir wachsen in bestimmte Formen, neigen uns zur Sonnenseite, und manche Schätze brauchen länger, um ins Licht zu kommen. Präventive Psychotherapie hilft herauszufinden, welche Bedingungen heute für mich wichtig sind, um Licht und Dünger zu den Anteilen meines Selbst zu bringen, die es bisher nicht so leicht hatten. Die gute Nachricht: Stagnation ist nicht möglich. Das Leben selbst initiiert immer wieder die nächsten Entwicklungsschritte. Wir gehen durch Lernprozesse und Krisen, wir erleiden Verluste, werden krank, verlieben oder trennen uns. Wenn es uns gelingt, diese Lebensimpulse aufzunehmen, erleben wir Fülle und Verbundenheit. Das einzige, was sich dem Lebensprozess in den Weg stellen kann, ist unsere Ich-Struktur mit ihren Konzepten von Polarität, Vergleich, Urteil, Leistungsdruck – Scheuklappen, die aus Angst entstanden sind. Das unterscheidet uns von der Birke: Wir sind die einzige Spezies, die gerne anders wäre als sie ist! Und letztendlich gehört auch dies dazu und kann als Kraft zum Wachsen dienen. Eine grundsätzliche Offenheit für die Verwirklichung des Selbst ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, unser angestrengtes Ich zu entspannen. Wenn wir diesem Prozess täglich etwas Aufmerksamkeit schenken, haben wir eine gute innere Basis für die Zeiten, wenn das Leben uns in die Mangel nimmt. Offenheit für die wichtigen Fragen: Was fühle ich? Was brauche ich? Was möchte ich geben? Wo soll es hingehen mit mir in meinem Leben? So kann die Psychotherapie präventiv wunderbare Unterstützung sein bei der Selbstverwirklichung – und selbstverständlich auch, wenn "Land unter" ist. Das Leben steckt voller Schwierigkeiten, aber es findet trotzdem statt – das ist die Kernaussage der Selbstverwirklichung. Wir können uns selbst nicht verfehlen. Und jeder mutige Schritt hinein ins Erleben macht reicher und wirklicher.

Bis ans Ufer meiner Seele

Ich bin gewandert bis ans Meer, bis ans Ufer meiner Seele, im feuchten Sand, die Füße schwer, fragst du mich, warum ich das wähle Von Alma Katrin Wagener

Ich rief mich selbst während ich schlief, die lichte Weite zog mich an, und tauchen wollte ich, ganz tief, wo mich die Angst nicht länger finden kann ... Ich wollte sehen, wo das Denken endet, und spüren, wie mein Herz mich führt, erleben, wie mein Blick sich wendet, und meine Liebe mich berührt ... Mich trugen meine bloßen Füße hierher ans Meer, wo ich still fließe ... In mir ist alles weit und leer ...

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Habecker, Michael u. Feichtinger, Thomas: Innenleben

"Das Anliegen dieses Buches ist es, Einladungen auszusprechen zum Erfühlen des eigenen ICH BIN in allen seinen Aspekten. mehr


Becker, Volker J.: Am 8. Tag schuf Gott den Zweifel

Selbsterkenntnis

Von tg

 

"Das vorliegende Buch versucht, sich den Fragen der Menschheit nach dem Grund unserer Existenz und der Frage nach Gott zu nähern, wobei ich verschiedene, ja, sogar gegensätzliche Thesen diskutiere. Dies ermöglicht es dem Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden."

 

In seiner Veröffentlichung versucht Volker J. Becker, die Aussagen östlicher Mystiker, moderner Wissenschaftler sowie westlicher Philosophen und Theologen sinnvoll zu vereinigen.

Er sieht den Zweifel als eine spirituelle Gabe des Menschen an, "um vom einfachen Glauben zur unmittelbaren Erfahrung des Göttlichen vorzudringen und wirkliche Selbsterkenntnis zu erlangen." Themen: "Wie das Gehirn sein Ich erschafft", "Gott und die Evolution. Von Darwin bis Dawkins", "Gottes Wahrscheinlichkeit. Das Bayes-Theorem" ...

"Am 8. Tag schuf Gott den Zweifel" von Volker J. Becker, E-Book, Lotos Verlag, 176 Seiten.

Wann bin ich wirklich ich selbst?

Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind die Basis für Selbstverwirklichung – ein Streben, dass offensichtlich im Menschen angelegt ist, aber nicht zu allen Zeiten bewusst erkannt wurde und auch nicht im Fokus des Interesses lag.  Von tg

Die Definitionen von "Selbstverwirklichung" fallen unterschiedlich aus, bereits die Begriffe "Selbst" und "Ich" bieten jede Menge Diskussionsstoff. Einig sind sich die meisten darin, dass es eine "falsche" Ich-Identität gibt – das Ego. Und ein wahres Selbst – den göttlichen Urgrund, die ewige, zeitlose Quelle unseres wahren Seins. Dessen Existenz wir vergessen haben, das es also gilt, wieder wahrzunehmen, zu erkennen und dadurch zu verwirklichen. Mithilfe der Kontemplation "Wer bin ich?" kehren wir zu unserem wahren Selbst "zurück". Östliche Weisheitstraditionen betonen diesen "weglosen Weg" zur Selbstverwirklichung durch die Entlarvung des Egos, durch die tiefe Erkenntnis der Einheit. Dabei wird (fast immer) das manifestierte Leben in der Dualität als Illusion, als "irreführender Ersatz" bezeichnet.

 

Östliche Weisheit und westliche Bewusstseinsforschung

 

In westlicher Philosophie und Psychologie geht es um Transformation des Egos, um "Ich-Transzendenz", darum, begrenzende Strukturen und Sichtweisen, Verletzungen und Schatten der Persönlichkeit zu bearbeiten, um zu seelischer Gesundheit zu gelangen. Maslows Bedürfnispyramide ordnet Selbstverwirklichung ganz oben ein, als Wunsch, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Hier wird ein Entwicklungsweg sichtbar, der (auch) eine aktive Beteiligung in Form von innerer Arbeit benötigt.

 

Wie passen nun östliche Weisheit und westliche Bewusstseinsforschung zusammen? "Reicht" die Zustandserfahrung des Einsseins oder müssen wir uns Selbstverwirklichung im "illusorischen" irdischen Alltag erarbeiten?

 

Ken Wilber hat mit seinem Integralen Ansatz diese beiden scheinbaren Widersprüche so einfach wie genial miteinander in Beziehung gesetzt. Das Wilber-Combs-Raster zeigt den Zusammenhang von vertikaler menschlicher Evolution und horizontalen Zuständen bzw. Zustandserfahrungen, deren oberstes, spirituelles Ziel das Eintauchen in nonduales "reines Sein" ist. Wilber weist auf die "fünfte Kraft" des Universums hin (Eros/Liebe/GEIST), beginnend mit dem Urknall, die einen selbstorganisierenden Antrieb hat und nach höherer Komplexität strebt. Und nun den Punkt erlangt hat, das GEIST (göttlicher Seinsgrund) sich selbst erkennt, in der Dualität, in der Form, in uns Menschen. Dies ist keine Illusion, sondern Ergebnis ernsthafter Forschungen (z. B. "Spiral Dynamics" von Clare Graves und Don Beck oder "Selbst-Entwicklung" von Susanne Cook-Greuter), die belegen, dass sich Bewusstsein stufenförmig weiterentwickelt. Vereinfacht betrachtet von Körper zu Geist (Verstand) zu Seele, von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch. Zustände, die Einheitserfahrungen einschließen, können auf jeder der Entwicklungsstufen bzw. -ebenen auftreten.

 

Verweilen und lustvoll fortschreiten

 

Aus integraler Sicht erfolgt Selbstverwirklichung also durch das tiefe Erkennen unseres göttlichen Seinsgrunds und gleichermaßen dank manifester Erfahrung unserer Göttlichkeit, die wir als uns stetig entwickelnder Mensch zum Ausdruck bringen. Wir können Eros, diesen kreativen Impuls, der seit Beginn der Zeit in uns und durch uns wirkt, in gewissem Maß willentlich beeinflussen – dahingehend, dass wir Bewusstseinsarbeit praktizieren, unser Ego transzendieren und zu integralen Ebenen "aufsteigen". Gleichzeitig stärken wir unseren Seinsgrund, z. B. durch Kontemplation und Meditation. Wir kommen von einer Sichtweise des "Entweder-oder" zu einem (paradoxen) "Sowohl-als-auch".

 

Selbstverwirklichung erhält durch das Wissen um Entwicklungsstufen eine gleichgewichtige Komponente, die den "weglosen Weg" östlicher Weisheitstraditionen, das Verweilen im Hier und Jetzt, um das lustvolle Fortschreiten in allen Formen der sicht- und erfahrbaren Welt erweitert. Ein Fortschreiten, das transzendiert und integriert und immer mehr Liebe, Mitgefühl, Verbundenheit und Freiheit freisetzt. Integrale spirituelle Praxis führt das Selbst, dass sich in seiner absoluten Verbundenheit und relativen Einzigartigkeit erfährt, auch über sich selbst hinaus, aus der Perspektive der ersten Person (Ich) zur Perspektive der zweiten Person (Wir) und zur Perspektive der dritten Person (Es). Integrale Selbstverwirklichung schließt letzlich alle Lebewesen, die gesamte (manifeste) Welt mit ein, denn sie ist nicht selbstsüchtig, sondern erfüllt, so erfüllt, dass sie unweigerlich überfließt.


Märchen – Phantasie wider Realität?

Weihnachten werden im Fernsehen wieder Neuverfilmungen Grimmscher Volksmärchen gesendet. Die hohen Einschaltquoten der letzten Jahre – trotz des attraktiven Weihnachtsprogramms – zeigen die ungebrochene Begeisterung für das Märchen.  Von Anna-Maria Lösche, Weiblichkeits- und Tanzpädagogin, Fachreferentin für ganzheitliche Frauenarbeit, Dozentin, Therapeutic Touch Practitioner, Wunstorf

Wer sich auch als Erwachsener die Filme angeschaut hat, wird feststellen, dass sie alle mit Feingefühl, Phantasie, Spielfreude und Liebe zum Detail gedreht wurden. Doch vor allem wurden die psychologischen Hintergründe der Märchen sehr gut herausgearbeitet, die auf die zeitlose Aktualität der Motive hinweisen: Ablösungsprozesse junger Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und die Bewältigung schwieriger, oftmals aussichtslos erscheinender Lebenssituationen.

 

Wie schaffen es Märchenhelden und -heldinnen vom bettelarmen, schlecht behandelten und verachteten Menschenwesen zu königlichen Ehren und Reichtum zu kommen?

 

In Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Situation ist es durchaus interessant, das einmal anzuschauen. Das König-/Königinnentum ist eine Metapher für das innere Königreich, das ich einnehme als meine Gabe, mein Potenzial, als das Schöne, das Gute und das Wahre, das durch mich in die Welt kommt.

 

Schon auf den ersten Blick lehren die Märchen Liebe, Demut und Mitgefühl als ausschlaggebende Faktoren auf dem Weg zu diesem Königreich. Im Gegensatz dazu werden Habgier, Hochmut und Grausamkeit eindeutig abgemahnt. Die Strategien, um Probleme zu lösen, sind vielfältig. Aber eines steht immer am Anfang: Das Märchen beginnt mit etwas, das zu Ende gegangen ist – etwas ging verloren, etwas wird entbehrt – und der Entscheidung der Hauptperson, das Schicksal nicht einfach hinzunehmen, sondern selbst aktiv zu werden und loszugehen.

 

Bis ans Ende der Welt

 

Die Aufgaben, die auf dem Weg erscheinen, können oft nur mit Unterstützung von Helferwesen menschlicher, tierischer oder zauberhafter Natur bewältigt werden. Diese begegnen den Helden als hässliche, unscheinbare, bedürftige Wesen, die um etwas bitten, das mit Freundlichkeit und Mitgefühl gegeben wird. Diejenigen, die achtlos und hochmütig vorbeigehen, bezahlen dafür mit Entmachtung durch Verzaubertwerden, mit Erniedrigung oder sogar mit dem Tod. Wer nicht auf das Leid der anderen achtet, bringt sich um die Chance, seinen Weg erfolgreich abzuschließen. Denn in den verachteten Wesen liegt der Schlüssel zum Gelingen.

 

Fleiß und Bescheidenheit sind zwei weitere Meilensteine auf dem Weg, die recht verstaubt und antiquiert klingen. Außerdem sind sie vor allem für Frauen mit der Unterdrückungsstrategie von Jahrhunderten behaftet, sich gefälligst fleißig und bescheiden im Hintergrund zu halten.

 

Aufs Heutige übersetzt, können Fleiß und Bescheidenheit bedeuten, konsequent, mit ganzem Einsatz ein Ziel zu verfolgen ("an etwas dranbleiben") und dabei ohne überzogene Ansprüche, maßvoll mit sich selbst und den vorhandenen Ressourcen umzugehen.

 

Oft werden aber auch fast übermenschliche Anstrengung und Geduld gefordert: In Eisenschuhen bis ans Ende der Welt zu gehen, schweigend Hemden aus Brennesseln herzustellen oder jahrelang blind durch die Wildnis zu irren. Es scheint in den Märchen immer wichtig zu sein, bis zum letzten alles zu geben, bis Erfüllung und Erlösung kommen können. Hingabe und Opferbereitschaft sind für das nötig, was man liebt, erstrebt, ersehnt. Da gibt es keine schnellen Lösungen, keine "Light"-Entwürfe. Die Zeit muss reif sein, da wird das menschliche Herz durch Entbehrungen und Verzicht zu Gold geschmiedet.

 

Und wenn der Weg bis zu Ende gegangen ist, erwarten die Heldin/den Helden dann noch die Konfrontation mit der Todesangst. Sie stellen sich Dämonen, Tod und Teufel entgegen, um für ihr Ziel zu kämpfen. Begleitet von ihren Helferwesen, entwickeln sie den Mut, mit aller Konsequenz für das einzustehen, was ihnen am Herzen liegt.

 

Das "Böse" zu vernichten hat nichts Moralisierendes an sich, sondern bedeutet, die Grenze den Wächtern in uns aufzuzeigen, die uns davon abhalten unser Potenzial von Liebe und Kreativität zu erfüllen.

 

Weibliche Sprache der Seele

 

Die Sprache der Märchen ist drastisch. Sie entstammt der weiblichen Sprache der Seele, die – ähnlich wie in Träumen – übertreibt, um auf etwas aufmerksam zu machen. Die Herzens- und Lebensschule der Märchen greift mit ihren Symbolen und Bildern nicht über den Verstand, sondern über die weiblichen Wege der Phantasie und des intuitiven Wissens, Wege, die durch die Überbetonung des Rationalen ziemlich zugewachsen sind, die sich aber auch jederzeit wieder lichten können.

 

Lieblingsmärchen der Kindheit, betrachtet mit einem erwachsenen, spirituell gebildeten Geist, können sich durchaus als wertvolle Helfer auf dem Lebensweg entpuppen und verborgene Themen zum Vorschein bringen, die noch der Erlösung bedürfen oder nicht ausgeschöpfte Potenziale erkennen lassen.

 

Märchen sind eben ursprünglich nicht als Kinderunterhaltung gedacht gewesen, sondern bringen damals wie heute Botschaften aus dem unerschöpflichen Reservoir menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten.


Auch das Ego braucht Liebe

Das Ego lieben heißt seine Bedeutung, seinen Wert und seine Funktion anerkennen und es gleichzeitig auch in seiner Begrenztheit und seiner begrenzenden Wirkung zu erkennen.  Von Vandan Ulf Münkemüller, HP (Psych.), Bielefeld

Da allein schon der Begriff "Ego" inzwischen negativ beladen ist, nenne ich diesen Aspekt unserer Psyche "Retter & Beschützer", denn das bezeichnet und anerkennt, auf eine liebevolle Weise, seine Funktion.

Wenn ich mein Ego geringschätze und ablehne, stärke ich es auf subtile Art, denn es ist letztlich das Ego selbst, das sich ablehnt und bekämpft. Wenn ich möchte, dass es sich beruhigt und den Weg freimacht für mehr Sinn und Liebe, für mehr Lebendigkeit in meinem Leben, muss ich es anerkennen und lieben lernen.

 

Unser Ego hat sich notwendigerweise, vom Beginn unseres Erdendaseins an entwickelt, um unser Leben zu retten und zu beschützen. Ohne unser Ego wären wir gar nicht mehr hier, wir wären längst gestorben, und unsere Seele hätte nicht mehr die Möglichkeit, in diesem Körper weitere Erfahrungen zu machen, sich in diesem Leben weiter zu entfalten.

 

Unser "Retter & Beschützer" sorgt dafür, dass wir am Leben bleiben, indem er unerträgliche Gefühle und Impulse unterdrückt, sie ins Unterbewusstsein verschiebt und dort sozusagen zwischenlagert, solange die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Gefühle und Impulse real lebensbedrohlich ist oder scheint. Außerdem sorgt er mit allen erdenkbaren Tricks und Mechanismen dafür, dass wir in der Mangelsituation unseres späteren Lebens an möglichst viel Energie in Form von Anerkennung und materiellen Gütern kommen.

 

Das Ego ist überzeugt, in einer feindlichen Welt zu leben, es handelt aus Angst vor dem Tod und nicht aus Liebe. Sein Ziel ist es, das Überleben des Körpers zu sichern und damit die Basis unseres Menschseins. Das ist seine Aufgabe, seine Funktion und auch seine Leistung, und hierfür verdient es wahrhaft unseren Dank und unsere Anerkennung.

 

Was das Ego nicht leisten kann, ist mehr Liebe, mehr Lebendigkeit und damit mehr Sinn in unser Leben zu bringen, denn gerade durch die Reduzierung unserer Lebendigkeit hat es uns ja gerettet und tut dies vermeintlich auch noch heute.

 

Wenn wir unsere Bedürfnisse nach mehr Liebe, Sinn und Leben erfüllen wollen, brauchen wir einen Weg am Ego vorbei. Als unser „Retter und Beschützer“ steht es wie ein Türwächter an der Pforte unseres Unterbewusstseins und verhindert das Auftauchen unterdrückter Gefühle und Impulse, da diese von ihm noch immer als lebensbedrohlich erlebt und bewertet werden.

 

Wenn wir heilen und uns entwickeln wollen, muss das Ego diesen Weg freimachen, es muss an die Seite treten und sich entspannen, und das kann und tut es eben nicht, wenn es bekämpft und abgelehnt wird.

 

Bekommt es hingegen die ihm gebührende Liebe und Anerkennung, entspannt es sich gern, schont seine Kräfte für echte Notsituationen und ermöglicht dadurch die wirklich wunderbare Entwicklung und Entfaltung unseres seelischen Potenzials.


Ich bin dann mal authentisch

Laut Duden sind Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit und Zuverlässigkeit Synonyme für "Authentizität". Man kann guten Gewissens behaupten, dass dieser Begriff positiv besetzt ist.  Von tg

Als authentisch gelten z. B. vom Gesetzgeber veröffentlichte Wortlaute einer Bestimmung oder für echt befundene Artefakte. Bestimmte "ursprünglich tonangebende" Kirchentonleitern werden als authentisch bezeichnet. Ebenso – von seinen Fans – ein Rockstar, der auf eindringliche Art und Weise von Dingen "erzählt", die er am eigenen Leib erfahren und erlebt haben muss. Am letzten Beispiel merken wir, dass an ihrer Authentizität gemessene Personen uns emotional stark berühren können, und dass unsere Einschätzung – unser eigenes Authentischsein eingeschlossen – subjektiv ist und nicht unbedingt zutreffend sein muss.

 

Lassen wir Gesetze, Artefakte und Kirchentonleitern außen vor, bleiben wir beim Menschen. Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm benennt wichtige Kriterien für Authentizität: "Wissen was die eigene Person ausmacht. Bewusst aus eigenen Quellen leben. An die seelischen Ressourcen kommen, keine Fassadenexistenz führen ..." Wir dürfen also nicht im "oberflächlichen Nachmachen" steckenbleiben. Erst ein langer, aufrichtiger Entwicklungsweg führt uns zu Selbsterkenntnis und Bewusstsein. Was uns wirklich authentisch macht, ist ein tief empfundener, er-füll-ter individueller Ausdruck unserer Einzigartigkeit.

 

Dreh- und Angelpunkt ist der Körper. Ihn wirklich zu fühlen, als lebendigen Seinsort, als innere Heimat, ist die Voraussetzung für authentische Bewegung im und durchs Leben. Das zu erfahren geht zuallererst in Ruhe. Wir müssen die aufgeregten, überlasteteten Sinne langsam hinunterfahren, erst einmal ankommen im Atem, im Hier und Jetzt. Wenn Bewegung aufhört und zur Ruhe kommt, erfahren wir das innere Strömen und Fließen. Wir lassen geschehen, spüren hinein und sind ganz einfach achtsam.

 

Unser Platz im Kosmos

 

Aus Ruhe und Beisichsein entsteht Bewegung "aus der Mitte heraus", Bewegung, die sich anders anfühlt und anders ausdrückt, als die von Unbewusstheit, Stress und Automatismen initiierte. Unser Handeln bekommt mehr Tiefe und Verantwortung, wird variabler, fließender, offener, intuitiver, bezieht in jeder Situation viele Perspektiven ein. Und entscheidet sich für die im Moment als "richtig" erachtete Sichtweise, mit den daraus entstehenden Konsequenzen.

 

Natürlich ist es wichtig, dass wir Geist und Seele mit ins Boot nehmen. Bei der Innenschau gehen wir der maßgeblichen Frage "Wer bin ich?" auf den Grund und kommen unseren Blockaden, Verletzungen, Schatten, Strukturen und vielfältigen, häufig unangenehmen Emotionen auf die Spur. Es gilt, alles mit der gleichen liebevollen Zuwendung wahrzunehmen wie das, was rund (in uns) läuft. Gerade diese empfindlichen Bereiche sollten sorgsam erforscht und behandelt werden. So werden sie Stück für Stück ein bewusster Teil von uns und erfahren Heilungsimpulse. Dazu brauchen wir zudem Unterstützung von außen, etwa das Feedback unserer Umwelt und professionelle Hilfe von Therapeuten und spirituell "Bewanderten".

 

Entschleunigung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge sind gerade in unserer hektischen Zeit besonders wichtig. Nur, wenn wir in einem inneren, liebevollen Kontakt mit uns (und anderen) sind, können wir in jedem Augenblick aus der Fülle unseres Potenzials schöpfen, so entstehen Stärke, Durchsetzungskraft und Hingabe an die Schönheit und das Geheimnis unserer Existenz. Dabei bedeutet authentisch sein ebenso, Schwächen akzeptieren. Fehler machen dürfen. Und diese mithilfe von Selbstreflexion und Feedback korrigieren.

 

Wir lernen unser wahres Selbst und unseren Platz im Kosmos besser kennen, werden zu einer "Einheit", die ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln als möglicht bewusst, intensiv, konsequent, sinnvoll – als stimmig und authentisch wahrnimmt. Nicht mal eben so. Nicht immer, aber immer öfter. Und voller Freude, Neugier, Liebe und Demut.