Höchste Erhebung im Nationalpark ist der Taivaskero-Gipfel des Pallastunturi mit einer Höhe von 806 m

Frühling in Finnisch Lappland

April am Jeris-See und im Pallas-Yllästunturi Nationalpark. Der Schnee hatte im Winter das ganze Land von den höchsten Baumspitzen bis in die tiefsten Niederungen vollständig eingehüllt. Nun haben erste lange Sonnentage das Weiß auf den Bäumen schmelzen lassen und das vielfältige Grün der Kiefern und Fichten wieder zum Vorschein gebracht.  Von anlö

Hier und da hängen noch mächtige Pompons aus Schnee in den Kronen und Ästen, bilden wundersame Körper, einen Skulpturengarten! In sinnlichen Leibern schmiegen sich die Schneeformen an tief gebogene Stämme, über Abgebrochenes, über Felsen und Baumstümpfe. Der Schnee ist so rein, so sauber und weiß, er glitzert kristallen im klaren, strahlenden Sonnenlicht. Die Luft – eine Offenbarung aus Frische und Weite! Hier weht die sauberste Luft der Welt, nur noch übertroffen von der Atmosphäre am Südpol.

 

Die Tage sind erfüllt von 16 Stunden Licht, die Sonne scheint kraftvoll am blauesten Himmel, den man sich vorstellen kann und selbst bei Minustemperaturen kommt kein Frieren auf. So dicke, schwere Schuhe habe ich noch nie getragen, bin aber auch noch nie durch so viel Schnee gewandert. Ich genieße die Entschleunigung, schaue mich um, lass mich ein. Die Menschen, die hier leben, sind in ihrer Freizeit meist sehr schnell unterwegs, mit Langlaufskiern, Husky-Schlitten und Schneemobilen, denn es sind riesige, leere Weiten, die zu überbrücken sind. Auch viele Touristen lieben diese Arten der Fortbewegung, aber ich liebe es langsam und stetig und schwinge mich so in diese ganz besondere Natur ein. Die Sinne werden so fein hier. Da das Weiß alles gleichmäßig macht, finden sie feinste Abstufungen im Lauschen und Schnuppern, im Schauen und Fühlen.


Die Abendstimmungen auf dem Eis des zugefrorenen Jeris-Sees bringen Farbe ins Spiel, blau, rosé und grautönend. Ich bin allein auf weiter Fläche. Spüre den kleinen Schmerz des auf mich Zurückgeworfenseins. Jedoch gibt es immer wieder freudige Überraschungen, die am Himmel erscheinen, im Scherenschnitt der Wälder, im golden-warm scheinenden Licht der kleinen Häuser, in den Kuppeln der Tunturi, der sanft gewölbten Hügel, die am Horizont auftauchen, je weiter du dich von ihnen entfernst.


Ja, und dann die berühmten Nordlichter! Ich hatte es mir nicht vorstellen können, sie wirklich zu sehen und doch geschah es! Ich stand auf dem zugefrorenen See und erlebte, wie aus zunächst wie Nebel aussehenden Schwaden ein schwingendes, tanzendes Himmelslicht entstand. Hauptsächlich weiß strahlend, aber auch grünlich und rosa. So vielfältig bewegen sich die Nordlichter: Ruhend, sich verdichtend, auseinanderdriftend, dann plötzlich in geradezu ekstatischen Wirbeln und Wellen über den Himmel eilend. Wolken, die Lichtregen bringen. All diese Formen überziehen das Firmament mit ihrer Freude am Spiel, öffnen neue, weite, unendliche Räume. Du stehst und wartest, schaust, liegst auf dem Rücken auf dem Schnee, unter dir die meterdicke Eisschicht. Und ganz leise habe ich das Nordlicht singen gehört.


Dann wurde es langsam richtig dunkel und die Sterne der Ursa Major direkt über mir leuchteten so klar und brillant, dass nicht nur die bei uns sichtbaren sieben Sterne des Großen Wagens erkennbar waren, sondern auch all die anderen, die zu ihrem Sternbild gehören. Sie leuchteten durch das schwingende Licht hindurch und mehr und mehr Sterne zeigten sich in der klaren, kalten Nacht. Tanzendes Licht, wehende Schleier, Wirbeln und Ruhen ... du weißt nicht, was kommt. Und dann ist alles verweht. Je tiefer Dunkelheit, desto schöner erscheint das Licht in ihrem samtenen Kleid.


Der Frühling ist eine gute Zeit, um Lappland kennenzulernen. Es gibt noch Nordlichter zu bewundern, wenn auch nicht mehr so farbenprächtig wie im tiefen Dunkel des Dezember oder Januar. Es liegt noch sehr viel Schnee, aber die Temperaturen bewegen sich durchschnittlich um sehr gut erträgliche – 5 Grad. Von den Veranstaltern wird man mit warmem Equipment ausgestattet und sehr gut bei Aktivitäten betreut. Die meisten Finnen, denen ich begegnete, hatten echte Freude daran, mir die Schönheit und Kraft ihrer Heimat zu zeigen.

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