Was für ein Unsinn, werden sich viele gedacht haben, als das berühmte Gedicht von Kurt Schwitters, die irritierend-rätselhafte Liebeserklärung „An Anna Blume“, im Jahr
1919 erschien. Gaga? Ja, und zwar gewollt. Oder nennen wir es lieber beim Namen: Dada(ismus) – eine anarchische, provozierende, künstlerische und literarische Bewegung,
die alles dekonstruierte und auf den Kopf stellte. Sinnlosigkeit, Zufall und Spontaneität als Kritik gegen verkrustete politische, gesellschaftliche, moralische und
ästhetische Konventionen einsetzte.
Und auch heute noch Künstler inspiriert. Womöglich Liebende. Und Sinnsucher.
Provokanter Unsinn der Dadaisten hatte seinen Ursprung im Protest gegen einen von Krisen geprägten, als unerträglich empfundenen Istzustand (1. Weltkrieg) und war der Aufruf zu einem
Neuanfang. Können wir in Krisenzeiten etwas vom Dadaismus für unser eigenes Leben, lebensverändernde Entscheidungen lernen? Vielleicht, dass wir, sobald alles auseinanderzubrechen
scheint, eingefahrene Strukturen und „Augen zu und durch“ nicht mehr funktionieren und wir innerlich erstarren, den Status quo auf den Prüfstand stellen. Uns mutig, kreativ,
aufgeschlossen, allein oder gemeinsam, auf die Suche nach sinnstiftenden Alternativen, neuem Sinn überhaupt machen, einem Platz in der Welt, der sich (wieder) stimmig anfühlt.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtete Hermann Hesse. Zugleich ist aller Anfang schwer, mitunter leidvoll, benötigt Mitgefühl, Offenheit. Und – weil die Gegenwart beängstigend,
beklemmend, trist, hohl und sinnlos erscheint – Hoffnung auf eine noch im Verborgenen liegende bessere Zukunft. So bringen wir die Kraft, Ausdauer und Geduld auf, trotz aller Zweifel den
ersten Schritt zu wagen und ihm weitere folgen zu lassen. „Taumeltürmen“ (frei nach Schwitters), bis das Gefühl, ohne Halt, verloren zu sein, der Zuversicht weicht und Licht am Ende des
Tunnels auftaucht.
Vom Hölzchen aufs Stöckchen
Doch wieso ist es wichtig, dass wir das Leben als sinnvoll erachten? Warum denken wir über Sinn nach? Brauchen Sinn? Geraten aus der Spur, wenn alles sinnlos erscheint?
Schauen wir, welche Synomyme der Duden für das Wort „sinnlos“ vorschlägt: aussichtslos, erfolglos, vergebens, wertlos, überflüssig, für die Katz – eine Aneinanderreihung von
deprimierenden Aussichten. Synonyme für „sinnvoll“ klingen wesentlich positiver und aufmunternder: wohlüberlegt, clever, vernünftig, zweckmäßig, befriedigend, erfüllend. Kein Wunder, was
Studien ergeben haben: Wer sein Leben als sinnvoll erachtet, ist physisch und psychisch gesünder.
Der Mensch kann sich – im Gegensatz zum Tier – die ferne Zukunft ausmalen, Gegenwart und Vergangenheit einordnen, stundenlang über sich selbst, Gott und die Welt philosophieren und ist
imstande zu vielschichtiger Selbstreflexion. Ein derart befähigtes Wesen, das „nicht gänzlich oberflächlich lebt, stellt sich irgendwann die großen metaphysischen Fragen: Woher kommen
wir? Warum sind wir hier? Wohin gehen wir?“, betont der Soziologe und Professor für Politikwissenschaft Volker Eichener.
An Überlegungen zum Sinn des Lebens kommt man/frau also nicht vorbei, allerdings schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen. Vom großen Ganzen zum kleinsten Teilchen. Oder umgekehrt. Wobei die
Perspektive entscheidend ist. Wollen wir Sinn und Zweck des gesamten Universums ergründen? Das religiöse, spirituelle, wissenschaftliche Verhältnis zu Schöpfer und Schöpfung oder unser
Gelände im kulturellen, soziologischen und ökologischen Gefüge abstecken? Persönliche Erlebnisse, Haltungen, Handlungen, Wertvorstellungen, Wünsche und Ziele, unser kurzes irdisches
Dasein in einem erfüllenden, sinnvollen Kontext des Miteinanders verstehen? Behalten wir den Überblick, am besten alles im Blick.
Was den Sinn im Großen und Ganzen angeht, herrscht wenig Einigkeit. Die Wissenschaft hat bislang keine Schöpferinstanz des Universums entdeckt, spricht zumeist von Zufall, kann weder Sinn
noch Zweck belegen. Religiöse, spirituelle Menschen sehen das anders, verweisen auf Ganzheit, Ordnung,
Kreativität,
Evolution, Bewusstheit, All-Eins-Sein, einen göttlichen Plan. Endgültig beweisbar ist das ebenfalls nicht. Philosophen und Psychologen verfolgen unterschiedliche Ansätze und konzentrieren
sich zunehmend auf menschliche Fähigkeiten, die es auf eine gelungene, ethische, selbstbestimmte und -verwirklichte Art zu verfeinern gilt, um dem eigenen Dasein Erkenntnis, Tiefe, Fülle,
Qualität, Intensität, Motivation, Freude, Glückseligkeit zu geben. Und autonom, kompetent, sozial eingebunden nach Prinzipien und Werten und mit Ausrichtung auf etwas Transzendentes,
Größeres, zu handeln.
Nehmen wir es mit Humor und begnügen uns vorerst damit, was der Supercomputer Deep Thougt im Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf die Frage nach dem „Sinn des Lebens, des
Universums und allem“ antwortet: „42“. Immerhin hat die Berechnung 7,5 Millionen Jahre gedauert. Schwitters lässt grüßen.
Die Frage nach universellem Sinn wird wohl nie ein für alle Mal objektiv und widerspruchsfrei beantwortet werden. Die Wirklichkeit ist weder in Stein gemeißelt noch in Algorythmen zu
finden. Sie ist komplex, im Fluss – und aller Voraussicht nach in vollem Umfang zu hoch für das menschliche Gehirn und alle Supercomputer zusammen.
Klein, aber oho
Legen wir den Fokus auf den Sinn im Kleinen, wie man/frau ihn für sich entdeckt und deutet. Hierzu gibt es eine Menge Erkenntnisse aus Forschung und Selbsterforschung: Sinn ist kein
Gefühl, aber mit Gefühlen verknüpft, wird individuell empfunden, geglaubt und gedacht, ist einfach da, geht verloren, wird gesucht. Strebt nach Bedeutung, Authentizität, Verbindung,
Freiheit, Zufriedenheit, sinnstiftenden Tätigkeiten und mehr. Verortet die eigene Einzigartigkeit im Wir, der Natur, dem Kosmos und ist für alle lebenswichtig. Abgesehen von denen, die
sich keinen Kopf darüber machen. Wozu auch, wenn schon Goethe der Meinung war, das Leben selbst sei der Sinn des Lebens.
Jede/r Einzelne kann für sich selbst eine Antwort finden. Angefangen bei aktuellen Problemen, die Bedürfnissen im Weg stehen. Anstatt nur noch zu funktionieren, agieren. Mit Besinnung auf
das Wesentliche, Sinn für die Realität. Und einer Vision. Dem Willen, die eigene Weltsicht weiterzuentwickeln, die Perspektive zu wechseln. Den Mut, aufgeschlossen, neu zu denken und von
innen heraus befriedigende, sinnerfüllte Alternativen im Außen zu suchen. Die schlüssig sind in Bezug auf Wünsche, Talente, Charakter, Mentalität, den passenden Platz im kulturellen,
sozialen, natürlichen Gefüge, dem Universum insgesamt. Der integrale Denker und Philosoph
Ken Wilber weist darauf hin, dass tiefer
Sinn dort gefunden wird, wo wir über das Ich, den „ichhaften Sinn“ hinausgehen und vom Tun ins Sein kommen: „Man findet den Sinn nicht in äußeren Handlungen oder Prozessen, sondern in den
inneren strahlenden Strömungen des eigenen Seins und im Freisetzen und in den Beziehungen dieser Strömungen zur Welt, zu Freunden, zur Menschheit im allgemeinen und zur Unendlichkeit
selbst.“ Was zudem bedeutet, sich mit der Vergänglichkeit „zu befreunden“.
Folglich geht es einerseits um
stufenweise Entwicklung als unverwechselbares, endliches Wesen in der Fülle der
Manifestation, der relativen Wahrheit. Andererseits um Verwirklichung von höheren Bewusstseinszuständen (mithilfe von
Meditation)
über grob, subtil, kausal, bezeugend zu nondual, die Erfahrung des ewigen Urgrunds, der (göttlichen) Quelle der Existenz, die als absolute
Wahrheit wahrgenommen wird – und wo sich jegliche Frage im „Nichts“, in der Leere auflöst. Auch die Frage nach Sinn. Im nondualen Zustand ist alles gut wie
es ist.
Die Verbindung von beidem, zu globaler Sicht evolvierendem Bewusstsein im alltäglichen Wirken der Gegensätze, und Bewusstseinszuständen, bis hin zu Einheitserfahrungen, ergibt ein
paradoxes Zusammenspiel, dass es ermöglicht, das Schöne, Gute und Wahre, Sinn auf umfassende Weise zu verwirklichen. Auf für uns typische Weise als Mann,
Frau, extrovertierter oder introvertierter Mensch mit besonderen Talenten. Und in gesunder Form – denn sind dunkle Schattenanteile nicht bewusst und erlöst, kann Sinn in
destruktivem Tun erfahren werden.
Obwohl Sinnempfinden von diversen inneren und äußeren Faktoren abhängt, subjektiv und in der Regel flüchtig ist, haben Forschungen, von denen die Professorin für Existenzielle Psychologie
Tatjana Schnell und der Journalist Kilian Trotier berichten (siehe BUCHTIPP, „Sinn finden“, Seite 21), vier Elemente herauskristallisiert, die für das Sinnerleben entscheidend sind:
Orientierung, Bedeutsamkeit, Kohärenz und Zugehörigkeit. Das besagt, es braucht einen inneren Kompass, Wertschätzung, den Gefühlseindruck, mit sich und dem Umfeld in Kontakt, im Reinen zu
sein, den passenden Platz auf dieser Erde und im großen Ganzen.
Sinnquellen gibt es, wie bereits erwähnt, viele. Schnell und Trotier haben eine Top 10 der aktuell größten Sinnstifter aufgelistet: 1. Generativität (etwas von bleibendem Wert tun,
schaffen und weitergeben), 2. Religiosität, 3. Bewusstes Erleben, 4. Spiritualität, 5. Harmonie, 6. Fürsorge, 7. Gemeinschaft, 8. Entwicklung, 9. Gesundheit, 10. Soziales Engagement.
Dass
Spiritualität im weitesten Sinne (Meditation, Yoga, Trance ...) und die Suche nach Gott für rund 60 % der
Bundesbürger – davon doppelt so viel Frauen wie Männer – ein wesentliches Anliegen ist, bestätigte eine repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung bereits im Jahr 2006. Wobei
traditionelle Christen mit nur 10 % vertreten waren. Umfrageergebnisse vom Institut für Demoskopie Allensbach aus den Jahren 2001 und 2002 zeigen, dass nur 15 % der Befragten ihre
ethischen Verpflichtungen darin sehen, zu tun, was Gott von ihnen erwartet. Wesentlich mehr Bedeutung hat, vor sich selbst bestehen zu können und auf das Gewissen zu hören. Privat möchten
die meisten glücklich sein, das Leben genießen (jüngere mehr als ältere), es zu etwas bringen, die Welt kennenlernen. Familie und Freunde haben einen hohen Stellenwert. Ansehen und
Beliebtheit sind wichtig, etwa die Hälfte möchte anderen helfen und sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Wie sieht es damit aktuell aus? In einer Forsa-Umfrage von 2023 bewertet
die Mehrheit das soziale Miteinander in Deutschland als nicht gut.
In die Zukunft reiten
Wer in einer, den Alltag belastenden Sinnkrise feststeckt, sollte sich vergegenwärtigen: Sinnkrisen, damit einhergehende Angst und Verunsicherung sind normal und menschlich. Eine
kritische Aufarbeitung der unbefriedigenden Situation einläuten, was wichtig ist, um authentisch zu leben. Sich Hilfe holen – in Büchern, auf seriösen Webseiten, bei vertrauten Menschen,
in Selbsterfahrungsgruppen, bei Psychologen, Psychotherapeuten, klinischen Angeboten.
Kehrt die Hoffnung zurück, ist das der Anfang einer langen spannenden Reise. Zu sich selbst in der Fülle des stetigen Wandels, geborgen in der Leere des ewigen Urgrunds.
An einem bestimmten Zeitpunkt haben wir uns besser kennengelernt und verortet, nutzen bewusst das Potenzial von Sinnkrisen und entspannen uns mit der Frage nach dem Sinn. Kommen mal mehr,
mal weniger, aber immer öfter im Hier und Jetzt zur Überzeugung: Wir sind eingebunden und getragen, finden uns zurecht, unser Leben ist von Bedeutung, wir tragen Sinnvolles bei, geben es
weiter. Und suchen mit wachem Geist und Herzblut Sinn aufs Neue, sollte er verloren gehen oder sich verwandeln, weil unsere Lebenssituation sich verändert, wir uns weiterentwickeln. Wie
Ken Wilber es ausdrückt, wenn er dazu ermuntert, den Platz als „ICH-BIN-Einheit“ einzunehmen, „dieses gegenwärtige, völlig offensichtliche Gefühl, du zu sein“, dazu auffordert: „... reite
damit in die Zukunft, indem du deine eigenen, einzigartigen, einmaligen Gaben und Talente mitbringst, um daran zu arbeiten, diese Erde in einen strahlenden Himmel der unerhörten
Liebe und der närrisch angebotenen Freundlichkeit zu verwandeln“.
Bisweilen kann auch ein wenig Unsinn, Spaß und Idealismus nicht schaden: „Was wär‘ die Menschheit ohne Ideale, ihr bliebe statt des Reims die hohle Schale.“ Dada? Schwitters? Jaja.