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Hörbuch


Mishani, Dror: Drei

Spannung

Von tg

 

„Die Sonnenblenden vor dem Fenster sind nur einen Spalt weit geöffnet, und Licht aus der Wohnung gegenüber fällt herein, und in diesem schummrigen Licht sieht sie Gils Gesicht, ehe sie einschläft. Er berührt sie nicht. Er sitzt neben ihr, und sie hört seine Stimme.“


Ein wenig Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung, die Suche nach Abwechslung, nach Trost, einem Zuhause, dem richtigen Weg. Vertrauen, das sich langsam aufbaut, der behutsame Beginn einer heimlichen Affäre, einer neuen Beziehung? Der richtige Stoff für einen Liebesroman. Doch der israelische Schriftsteller Dror Mishani hat anderes im Sinn.


Die Lehrerin Orna lernt ihn über ein Dating-Portal für Geschiedene kennen. Emilia über die Familie, in der sie als Pflegerin gearbeitet hat. Und Ella, die ihren wahren Namen und ihren Beruf verschweigt, begegnet ihm im Café. „Drei“ Frauen, mit ihren kleinen und großen Geheimnissen, treffen ein und den selben Mann, den Rechtsanwalt Gil Chamtzani. Auch Gil ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Und so verwandelt sich die Geschichte plötzlich in einen ausgefeilten Krimi mit überraschenden Wendungen, in dem der Autor geschickt die Fäden zieht und peu à peu die Spannung steigert. Mehr soll nicht verraten werden.


„Drei“ von Dror Mishani, Diogenes Verlag, 330 Seiten.

Disher, Garry: Kaltes Licht

Spannung

Von tg

 

„Er war wieder zur Polizei gegangen – tatsächlich war er sogar darum gebeten worden. Damit gingen fünf Jahre zu Ende, in denen er nur die Zeit totgeschlagen hatte. Urlaubsfahrten ab und an. Lesen, Erwachsenenbildung, hoffnungslose und/oder katastrophale romantische Verwicklungen, gelegentliche Mitarbeit bei verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen.“


Sergeant Alan Auhl, Mitte fünfzig, kehrt aus der Pensionierung in den Dienst zurück. Er ist zwar „nicht auf dem Stand des technischen und investigativen Fortschritts“, aber ein sturmerprobter „alter Sack“, der die Rollator-Witze junger Kollegen stoisch erträgt. Auhl soll sich um die Cold Cases, die angestaubten ungelösten Fälle, kümmern. Und bindet sich gleich mehrere ans Bein.


Auch privat läuft es alles andere als harmonisch und ausgeglichen. Ein, zwei Mal im Jahr landet er mit seiner Ex im Bett, was nicht gerade die innere Gelassenheit fördert. Und in seinem „Chateau Auhl“ – „drei höhlenhaft verwinkelte Stockwerke an einer ruhigen Straße“ im lebhaften Melbourner Viertel Carlton –, beherbergt er einige Menschen, mit denen es das Leben weniger gut meint. Und da Auhl nicht wegschauen kann, wenn den Gestrandeten der Gesellschaft Unrecht widerfährt, mischt er sich ein, wo er es für nötig hält.


Ein spannender, sehr dichter, temporeicher, aber nicht hektischer, stilistisch ausgezeichneter Kriminalroman. Mit einem coolen, beharrlichen Ermittler, „besessen – aber auf eine gute Art“, der das Herz am rechten Fleck hat. Und zur Not strikte Methoden anwendet, um der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen. „Kaltes Licht“ hat zweifellos das Zeug, ein Klassiker der Kriminalliteratur zu werden.


„Kaltes Licht“ von Garry Disher, Unionsverlag, 314 Seiten.

Chandler, Raymond: Der große Schlaf

Klassiker

Von tg

 

„Ich rauchte meine Zigarette auf und steckte mir noch eine an. Die Minuten zogen sich. Auf der Straße das Tuten und Tröten der Hupen. Eine große rote Regionaltram knurrte vorbei. Eine Ampel gongte. Die Blondine stützte einen Ellbogen auf, legte eine Hand über die Augen und linste in meine Richtung.“


Phillippe Marlowe ist der Inbegriff des abgeklärten, wortkargen, meist klammen Privatdetektivs. Als einsamer Wolf mit Hang zu Melancholie und Zynismus, zu Alkohol und Nikotin, versucht er im korrupten, unmoralischen Los Angeles einigermaßen aufrecht zu bleiben. 1939 setzte ihn der amerikanische Schriftsteller Raymond Chandler auf seinen ersten Fall an. Der steinreiche alte General Sternwood wird erpresst. Marlow soll sich um die Sache kümmern. Das tut er. Und hat schon bald Killer, schmierige Gauner und die beiden schönen wie anstrengenden Töchter des Generals, Carmen und Vivian, am Hals.


Auch 80 Jahre später kann „Der große Schlaf“ (Originaltitel: „The Big Sleep“) in der Neuübersetzung von Frank Heibert überzeugen – vielschichtig, temporeich und auf den Punkt. Mit knackigen Dialogen, die im von Howard Hawks inszenierten Film-Noir-Klassiker (unter dem Titel „Tote schlafen fest“) die Hollywood-Legenden Humphrey Bogart und Lauren Bacall auf der Leinwand unsterblich machten.

  
„Der große Schlaf“ von Raymond Chandler, Diogenes Verlag, 293 Seiten.



Swann, Leonie: Gray

Humor

Von tg

 

"Er wollte mit Sybil ins Kino und dann vielleicht ein Bier trinken gehen oder einen Gin Tonic. Er wollte in Ruhe in der Bilbliothek sitzen und an seiner Abhandlung arbeiten. Er wollte College Dinner und Diskussionsgruppen. Nichts davon ging mit Papagei!"

Dr. Augustus Huff, Dozent an der Universität von Cambridge, schlägt sich mit diversen Neurosen durchs Leben und hat – seit dem dramatischen Tod des Studenten Elliot, eines "kalten Schnösels" und berüchtigten Fassadenkletterers, den er als Tutor betreute – einen Vogel. Ist nun offizieller temporärer Halter und Trainer des afrikanischen Graupapageis Gray, der ihm nicht mehr von der Schulter weicht und fortan Huffs pedantisch geordneten Alltag gehörig auf den Kopf stellt. "Stinker!", "Nimm ne Nuss!", "Total zermatscht!" und "Psychologische Probleme" gehören zu Grays Standardvokabeln, die der gelehrige und vorlaute Vogel mit der Stimme seines Vorbesitzers, dem vom Kirchturm gestürzten Elliot, in den unmöglichsten Situationen zum Besten gibt. Aber auch der Begriff "Mörder" findet sich in seinem Wortschatz, und nicht allein diese Tatsache veranlasst Augustus, den Sherlock Holmes zu spielen. Schon bald sind Dozent und Papagei ein eingeschworenes Team und in luftiger Höhe einem kaltblütigen Mörder auf der Spur ...

Die Autorin der Schafskrimis "Glennkill" und "Garou" macht in diesem witzigen, spannenden und intelligenten Krimi wieder ein Tier zur Hauptfigur – und wird mit "Gray" sicherlich viele Leserinnen und Leser begeistern.

"Gray" von Leonie Swann, Goldmann Verlag, 415 Seiten.

Thorogood, Robert: Mord im Paradies

Humor

Von tg

 

"Er begann, das Gebäude zu umrunden. Es handelte sich um einen großen rechteckigen Kasten mit Wänden aus dickem cremefarbenem Papier. Auch das Dach bestand aus dickem cremefarbenem Papier. Das im Inneren gefangene Licht ließ das ganze Ding erstrahlen. Eigentlich sah es aus, als wäre mitten auf dem Rasen ein würfelförmiges Raumschiff gelandet."

Richard Poole, gegen seinen Willen auf die karibische Insel Saint-Marie versetzter Detective Inspector mit Sandphobie, diversen Schrullen und Schwierigkeiten im Umgang mit seinen lässigen örtlichen Kollegen, hasst die Tropen, die mörderische Hitze, das scharfe Essen, die Baracke, in der er gemeinsam mit Gecko Harry haust – und, dass nirgendwo ein anständiges Bier zu bekommen ist.

Wenn es allerdings gilt, einen Fall aufzuklären, fühlt sich der steife, ständig einen Tweedanzug tragende Brite in seinem Element. Aslan Kennedy, von allen hochgeschätzter Guru, wird nach der täglichen Tiefenentspannung tot im als Meditationsraum dienenden Teehaus aufgefunden. Als Täter kommen – eigentlich – nur fünf Gäste des spirituellen Urlaubsresorts "The Retreat" infrage, die sich während der Tat im von innen verriegelten Teehaus befanden.

Mit einer Akribie à la Miss Marple macht sich Poole ans Werk. Doch seine polizeilichen Nachforschungen gestalten sich als äußerst schwierig, denn irgendwie passt nichts so richtig zusammen. Stück für Stück begleitet der Leser voller Erwartung den mit seiner Verunsicherung ringenden Ermittler von einer falschen Fährte zur anderen. Am Ende kommt es – natürlich – ganz anders als erwartet ...

Der sich auf der großartigen BBC-Serie "Death in Paradise" gründende Roman ist von Anfang bis Ende spannend, unterhaltsam und witzig. Einen deplatzierten, etwas neurotischen und originellen Detective Inspector wie Richard Poole muss man einfach sympathisch finden. Es bleibt zu hoffen, dass "Mord im Paradies" bald eine Fortsetzung findet.

"Mord im Paradies" von Robert Thorogood, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 383 Seiten.

Freeman, Castle: Männer mit Erfahrung

Spannung

Von tg

 

„Sie saßen im Büro und redeten – oder auch nicht. Sie sahen sich in dem kleinen Fernseher, den Whizzer aufgestellt hatte, Spiele an. Wenn Bier zur Hand war, tranken sie es. Die Zeit verging.“

 

Ein kleines, gottverlassenes Kaff in Vermont. Lillian, eine junge Frau, fühlt sich beobachtet und bedroht. Der zwielichte und gefürchtete Blackway hat es auf sie abgesehen.

 

Grund genug, sich aus dem Staub zu machen. Doch Lillian lässt sich nicht einschüchtern, sie bittet Sheriff Wingate um Schutz. Der aber beruft sich auf Recht und Gesetz, sieht sich außerstande, ihr zu helfen: „Für etwas, das er vorhat, kann ich ihn nicht festnehmen“. Wingate schickt sie zu Whizzer, der nach seiner „Begegnung“ mit einem fallenden Baum im Rollstuhl sitzt und in einer ehemaligen, heruntergekommenen Stuhlfabrik ein Sägewerk betreibt.  Sein Büro ist eine Art Klub, ein Treffpunkt für „Männer mit Erfahrung“. „Was für ein Haufen Clowns“, denkt sich Lillian. Immerhin stellt Whizzer ihr den einfältigen Hünen „Nate the Great“ und den betagten, mit allen Wassern gewaschenen und hinkenden Lester Speed zur Seite. Während in Whizzers Büro eine Handvoll alter Haudegen „philosophiert“, über alte Zeiten im Allgemeinen und die Geschichte mit Blackway im Speziellen, macht sich Lillian mit ihren beiden Begleitern auf den Weg, um die Sache zu klären. Gibt es einen Plan? Schwer zu sagen. Aber der Verlauf der Dinge scheint unvermeidlich: „Sie mussten es durchziehn“. In einem riesigen verlassenen Waldgebiet, den „Lost Towns“, kommt es zum Showdown mit Blackway.

 

Ein witziger, rauher, teilweise harter Roman, in dem trotz vieler Dialoge wenig Worte verloren werden. Gut geschrieben und spannend bis zum Schluss.

 

„Männer mit Erfahrung“ von Castle Freeman, dtv Verlag, 173 Seiten.



Ferber, Marlies: Truthahn, Mord und Christmas Pudding

Humor

Von tg

 

"In Sheilas Gesellschaft war es selten ruhig. Sie war wie ein Sturm, der über einen hinwegfegte, oder zumindest eine sehr frische Brise. Er besuchte sie gern in ihrem Haus: Dort konnte er selbst bestimmen, wie lange er blieb."

Nun, der Titel lässt auf seichte Unterhaltung schließen, und einen 70-jährigen Exagenten 0070 zu nennen, ist das originell ...? Doch wie bei einem Kriminalfall trügt häufig der erste Schein, und es kommt tatsächlich vor, dass die Verpackung weniger verspricht als der Inhalt zu bieten hat. Kurz und gut: Dieser Roman kann positiv überraschen – guter Schreibstil, kurzweilige Geschichte, englischer Humor und ein paar ernste Töne.

Worum geht es im vierten Fall von James "Null-Null-Siebzig" Gerald und seiner Gefährtin Sheila Humphrey? Sheilas Freundin Rosalind fällt einem Verbrechen zum Opfer. James wird bald klar, dass der Täter eigentlich Sheila im Visier hat. Doch die will vorerst nichts davon wissen und beherbergt obendrein einen alten Schulfreund mit zweifelhafter Vergangenheit. Was James nicht nur hellhörig, sondern auch extrem eifersüchtig macht.

 

Bei einem Theaterprojekt, das zu Weihnachten gemeinsam von Amateuren und ehemaligen Häftlingen aufgeführt wird, spitzen sich die Ereignisse zu. James entdeckt auf der Bühne sein Schauspieltalent und ergreift ungewöhnliche Maßnahmen ...

"Truthahn, Mord und Christmas Pudding" von Marlies Ferber, Krimi, dtv, 320 Seiten.

Frenzel, Claudia: Brennender Zorn

Spannung

Von tg

 

"Von der Straßenseite aus betrachtet, lag auf dem Anwesen der Schleier romantischen Verfalls, nicht mehr Zivilisation, aber noch nicht wieder Natur. Erst die Rückseite, die um diese Tageszeit im kühlen Schatten lag, offenbarte, weshalb das Haus die Geistervilla genannt wurde."

Ein Jahr nachdem Hauptkommissar Hanno Kaltwasser seinem damaligen Vorgesetzten in München "Waffe, Marke und Ausweis auf den Schreibtisch legen musste", betritt er widerwillig seine neue – und altbekannte – Berliner Wohnung. Und kaum angekommen, wird er bereits zu einem Fall beordert. Auf den ersten Blick scheint alles eindeutig zu sein, doch Kaltwasser stören einige Details und so macht er sich, unterstützt von der spröden und wortkargen Kollegin Janisch, hartnäckig an die Ermittlungen. Dabei dreht sich alles um eine alte, heruntergekommene Villa, ein tragisches Feuer und eine komplizierte Familiengeschichte.

"Brennender Zorn", der erste Band einer neuen Krimireihe, kann mit interessanten Charakteren und vielschichtiger Story, die bis zum Schluss spannend bleibt, überzeugen. Hanno Kaltwasser ist ein sympathischer Ermittler, ein "Sprachprofiler" mit Ecken und Kanten, mit Schwächen und Zweifeln, den die Schatten der Vergangenheit immer wieder einholen.

Ein gelungenes Debüt.

"Brennender Zorn" von Claudia Frenzel, dtv Verlag, 415 Seiten.

Green, Graham: Der dritte Mann

Klassiker

Von tg

 

"Wenn Sie diese seltsame, ziemlich traurige Geschichte verstehen wollen, müssen Sie wenigstens einen Eindruck vom Hintergrund bekommen – von der zerstörten, trostlosen Stadt Wien, die von den vier Siegermächten in Zonen aufgeteilt worden war; die russische, die britische, die amerikanische und die französische Zone."

Rollo Martins, Verfasser von billigen Westernromanen, reist ins besetzte, winterliche Wien der Nachkriegszeit, um seinen alten Schulfreund Harry Lime zu treffen. Bei seiner Ankunft wird dieser allerdings gerade zu Grabe getragen. Offizier Calloway von Scotland Yard konfrontiert Martins damit, dass Lime "so ziemlich der übelste Schieber" war, der "in dieser Stadt je seine schmutzigen Geschäfte gemacht hat" – verdünntes Penicillin, das vielen Kindern das Leben gekostet hat. Martins ist von Limes Unschuld überzeugt und macht sich daran, die Umstände von dessen vermeintlichen Tod aufzuklären. Dabei spielen Limes Geliebte Anna und ein mysteriöser dritter Mann undurchsichtige Rollen ...

Mit Orson Welles und Joseph Cotten in den Hauptrollen schuf Regisseur Carol Reed mit "Der dritte Mann" einen zeitlosen Schwarzweiß-Thriller nach dem Drehbuch von Graham Greene. Legendär sind die Fahrt im Riesenrad, die Verfolgungsjagd durch die Kanalisation und das von Anton Karas auf der Zither gespielte Harry-Lime-Thema.

Nicolaus Stingel hat das Buch 66 Jahre nach dem Kinostart des Films neu übersetzt. Das Ergebnis kann absolut überzeugen, trifft wunderbar den Ton der düster-melancholischen Story, denn wie Greene im Vorwort erklärt, stellt für den Autor "sein Roman natürlich das Beste dar, was er zu einem bestimmten Thema zu leisten vermag". Wenn er auch hinzufügt: "Der Film ist sogar besser als die Erzählung, weil es sich in diesem Fall um die Endfassung der Erzählung handelt ...".

"Der dritte Mann von Graham Greene", Zsolnay Verlag, 159 Seiten.