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Schätzing, Frank: Die Tyrannei des Schmetterlings

Thriller

Von tg

 

„Mit zunehmendem Wissen wächst seine Intelligenz rasend schnell und exponentiell. Die Raupe, wie Elmar das Gebilde im Berg nennt, beginnt sich selbst zu füttern und immer komplexere Schlüsse zu ziehen. Was die Frage aufwirft, wie man den Computer künftig kontrollieren soll.“

 

Ein kleines Nest in der Sierra Nevada, Kalifornien. In einer Schlucht „schwebt“ eine tote Frau, ein „gefallener Engel“. In ihrem Firmenwagen liegt ein USB-Stick, auf dem sich verwirrende Aufnahmen befinden: „Ein Raum mit einer Brücke darin – bis an die Zähne bewaffnete Männer, nachtschwarze Kästen, in denen es pulsiert, Schattenhaftes sein Interesse auf die Außenwelt richtet ...“.

 

Die Mordermittlungen führen Undersheriff Luther Opoku zum Hightech-Riesen Nordvisk Incorporated aus Palo Alto, der versteckt in den Wäldern tief unter der Erde eine Forschunganlage betreibt. Das Flaggschiff des Konzerns ist A.R.E.S., ein eigenständig (und zunehmend eigenwillig) Forschungsprogramme entwickelnder Superrechner, ein Quantencomputer und synthetischer Wissenschaftler, hervorgegangen aus einer Software des genialen Elmar Nordvisk. Bei der Befragung der Mitarbeiter erkennt Luther Opoku im hünenhaften Sicherheitschef Jaron Rodriguez einen der Männer auf den Filmaufnahmen wieder. Rodriguez flüchtet in die unterirdischen Gänge, der Undersheriff stürzt hinterher. Und landet schließlich auf der Brücke – einem kosmischen Tor.

 

Danach gerät seine Welt aus den Fugen – kein Wunder, wenn ein eigentlich zum Wohle der Menschheit kreiertes Superhirn nach einem Kriegsgott benannt ist (und eine gnadenlose Killerin auf den Namen Grace hört).

 

Was wie ein Krimi beginnt, entwickelt sich zu einem rasanten Science-Fiction-Abenteuer-Thriller, in dem die Themen Big Data, KI, Biotechnologie, Robotik, Klonen, Paralleluniversen und Zeitreisen zu einem explosiven Cocktail vermischt werden. Die Geschichte des deutschen Bestseller-Autors ("Der Schwarm") lässt sich als eindringliche Warnung verstehen, denn in der Realität nimmt die Entwicklung der, unser aller Zukuft verändernden „Künstlichen Intelligenz“, immer mehr Fahrt auf. Nach der Lektüre dieses Romans werden Sie Libellen mit anderen Augen betrachten und nochmal gründlich über die geplanten Investitionen in die „spannenden Möglichkeiten“ ihres Smart Homes nachdenken.

 

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ von Frank Schätzing, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 734 Seiten.

Reizin, Paul: Wahrscheinlich ist es Liebe

Unterhaltung

Von tg

 

„Er ist schließlich eine Maschine, also geschlechts-neutral, aber ich sage er, weil sein Sprachprogramm mit einer männlichen Stimme ausgestattet wurde.“


Die attraktive Jen ist 34 Jahre alt, steckt in einer schwierigen Lebensphase und hat den „allerbesten Job der Welt“. Sie redet mit ihrem „Gefährten“ Aiden, einer künstlichen Intelligenz, wonach ihr gerade der Sinn steht, um „ihm“ die Unterhaltung mit Menschen beizubringen.

 

Als Jen von ihrem Freund, Vollpfosten und Oberarschloch Matt, verlassen wird, macht sich Aiden im Internet auf die Suche nach einem neuen Partner für sie, nutzt heimlich all seine Fähigkeiten und scheut dabei nicht vor liebenswürdigen Tricks zurück. Und tatsächlich: nach anfänglichen Flops funkt es zwischen Jen und Mr. Perfect Tom. Doch dann mischt sich die bösartige KI Sinai ein ...

 

Das klingt nach der richtigen Mischung für eine wunderbare, ungewöhnliche und witzige Beziehungskomödie. Ist es auch. Am Anfang. Bis, nun ja, der zunehmend vorhersehbaren Geschichte mehr und mehr (inhaltlich und stilistisch) die Luft ausgeht ... Was u.a. daran liegt, dass die Dialoge, vor allem zwischen Jen und Busenfreundin Ingrid, oberflächlicher werden, KI Sinai sich zum eindimensionalen „menschlichen“ Bösewicht entwickelt und dass die Story trotz aller Verwicklungen ihren Biss verliert und in Richtung „Pretty Woman“ abdriftet.

 

Im „realen“ Internet äußern sich viele Leserinnen und Leser begeistert und berührt von „Wahrscheinlich ist es Liebe“ – und so sollte sich jede/r selbst ein Urteil bilden. Immerhin verspricht  das Buchcover: „Dieser Roman bringt Glück“.

 

„Wahrscheinlich ist es Liebe“ von Paul Reizin Wunderraum Verlag, 475 Seiten.


Canavan, Trudi: Die Mächtige

Fantasy

Von tg

 

Die "Mächtige" ist der (wohl?) letzte Teil der spannenden Fantasy-Trilogie von der australischen Autorin Trudi Canavan.

 

In den Welten herrscht Chaos. Die Gefolgleute Valhans möchten diesen wieder zum Leben erwecken, aber dazu brauchen sie die Hilfe von Tyen. Widerstrebend willigt der ein, denn nur so kann er herausfinden, wie Pergama ihre menschliche Form zurückerhält. 

 

Rielle nimmt den bei den Fahrenden aufgewachsenen Quall unter ihre Obhut. Sie selbst oder Quall könnten Nachfolger Valhans, des Raen, werden. Doch sie sind in Gefahr ...

 

Wird es Rielle und Tyen gelingen, die Welten zu befrieden? Wird Valhan wiedererweckt? Oder gibt es einen Nachfolger? Kann Pergama von ihrem Bann erlöst werden ...?

 

Auch wenn sie in ihren Romanen dramatische Geschehnisse beschreibt, konzentriert sich die Bestseller-Autorin auf die Entwicklung ihrer (jungen) Protagonisten.


"Die Mächtige – Die Magie der tausend Welten" von Trudi Canavan, Penhaligon Verlag, 704 Seiten.

Jacka, Benedict: Das Labyrinth von London

Urban Fantasy

Von tg

 

„Für einen Wahrsager wie mich ist ein Kampf mit zwei Parteien bereits gefährlich genug. An einen Kampf mit drei beteiligten Seiten sollte man nicht einmal denken. Und meiner neuesten Zählung nach gab es hier vier Seiten ...“

 

In seinem kleinen Laden Arcana Emporium im Londoner Stadtteil Camden verkauft Alex Verus Kräuter, Pulver, Kristallkugeln, Werkzeuge, Reagenzien, Fokusgegenstände und anderes Zeug, das so viel Magie besitzt wie ein altes Paar Socken ... Die perfekte Tarnung für den Kram im Obergeschoss, der es wirklich in sich hat. Alex ist Magier und Wahrsager und kann in die Zukunft schauen. Letztgenannte Fähigkeit ist sehr nützlich, um sich geschickt aus kniffligen Situationen zu befreien. Normalerweise. Seitdem ihm seine mit einem Fluch belegte Gefährtin, „Lehrling“ Luna, einen geheimnisvollen Würfel aus rotem Kristall gebracht hat, wird Alex von seiner Vergangenheit eingeholt und gerät zwischen die Fronten. Skrupellose, intrigante und zu allem bereite (und fähige) Weiß- und Schwarzmagier sind ihm auf den Fersen, denn nur Alex besitzt den Schlüssel zum Öffnen eines alten Relikts, einer wehrhaften Statue im British Museum, die in ihrem Inneren eine mächtige Waffe birgt – den „Schicksalsweber“. Alex und Luna befinden sich bald in einer ausweglos erscheinenden Situation. Doch Alex hat einen scharfen Verstand. Und einen ziemlich verrückten Plan ...

 

„Das Labyrinth von London“ ist der fulminante Auftakt zur Urban Fantasy-Reihe um den jungen Magier Alex Verus. Intelligent, spannend und mit subtilem Humor. Lesestoff für eine lange, schlaflose Nacht!

 

 „Das Labyrinth von London“ von Benedict Jacka, Blanvalet Verlag, 412 Seiten.


Aaronovitch, Ben: Der Galgen von Tyburn

Urban Fantasy

Von tg

 

Eine Party in der teuersten Immobilie Londons führt zu einem unschönen Ende. Olivia, Tocher der Flussgöttin Lady Ty, ist in die Sache verwickelt, und Police Constable Peter Grant soll sie aus allen Ermittlungen herauszuhalten. Was sich als schwierig erweist. Denn schon bald führt Peter einen Kampf an mehreren Fronten und schlägt sich mit dem fuchsteufelswilden Reynard Fossman, Exkollegin Lesley und rauflustigen Amerikanern herum. Und das alles wegen des als verschollen geltenden Rechnungsbuchs Jonathan Wilds, das möglicherweise das Geheimnis des Steins der Weisen enthält. Klar, dass, wenn es um (dunkle) Magie geht, auch Peters Erzfeind und Oberschurke, der "Gesichtslose", kräftig und übel mitmischt. Beim Showdow muss Peter auf volles Risiko gehen ...

 

Intelligente, schräge Unterhaltung mit schwarzem Humor.

"Der Galgen von Tyburn" ist der sechste Band der Urban-Fantasy-Krimi-Reihe, in der sich (fast) alles um
Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant dreht.


"Der Galgen von Tyburn" von Ben Aaronovitch, dtv Verlag, 415  Seiten.



Watsky, George: Wie man es vermasselt

Unterhaltung

Von tg

 

„Ich würde eine ayurvedische Spa-Behandlung vielleicht nicht jedem empfehlen, aber falls Sie die Vorstellung reizt, zwei Stunden lang (bis auf ein winziges Baumwolltuch über den Genitalien) splittterfasernackt auf dem Rücken zu liegen, während irgendein Typ an ihren Gliedmaßen zerrt und Öl in jede Körperfalte reibt, dann kann ich nur sagen: Ab ins nächste Flugzeug nach Trivandrum!“


Gleich vorweg: Das Prosa-Debüt des jungen amerikanischen Rap-Musikers, Lyrikers, Dramatikers, Schauspielers und Poetry Slammers ist erfrischend originell, witzig, unterhaltsam und sehr gut geschrieben. In dreizehn autobiographischen Geschichten schildert George Watsky unverblümt selbstironisch, mal cool, mal sensibel, die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, seine Vorliebe für ältere Frauen, seine epileptischen Anfälle, die Tücken des Alltags, kuriose und berührende Erlebnisse. Da werden dem verhassten Lehrer Texte ins Gesicht gerappt, die nicht gerade jugendfrei sind. Da wird – zum hundertsten Geburtstag der Großtante eines Freundes – der Stoßzahn eines Narwals über die Grenze Kanadas geschmuggelt. Und die Konzerttour in einem mehr oder weniger notdürftig zusammengezimmerten Dreichachser gestaltet sich als eine kuriose Aneinandereihung von „Pleiten, Pech und Pannen“.


„Wie man es vermasselt“ erzählt von den kleinen und großen Niederlagen, die das Leben in irgendeiner Form für jeden von uns bereit hält. Trotzdem zeichnet diese Kurzgeschichten ein durchweg optimistischer Sound aus. Denn der Protagonist Watsky ist ein liebenswerter, einfallsreicher Träumer, der versucht, aus jeder Situation das Beste zu machen. Und mit dieser Einstellung gelingt dann doch mitunter ein großer Wurf – so wie dieses Buch.

  
„Wie man es vermasselt“ von George Watsky, Diogenes Verlag, 335 Seiten

Lunde, Maja: Die Geschichte des Wassers

Climate Fiction

Von tg

 

"Je trockener unser eigenes Land wurde, desto häufiger redete sie von den Ländern im Norden, wo es nicht nur ein seltenes Mal im Laufe der kalten Monate regnete, sondern auch im Frühjahr und Sommer. Wo es keine langanhaltende Dürre gab, sondern das Gegenteil, weil der Regen mit schweren Stürmen einherging und zur Plage wurde ..."

 

"Climate Fiction" verbindet ökologische Themen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Motiven aus der Science-Fiction-Literatur und ist dabei erschreckend realistisch. So auch der neue Roman von Maja Lunde, die mit "Die Geschichte der Bienen", dem Auftakt ihres „Klima-Quartetts“, für große Aufmerksamkeit sorgte.

 

Im Mittelpunkt von "Die Geschichte des Wassers" stehen die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels, die sich bereits 2017 deutlich abzeichnen. Die Umweltaktivistin Signe, eine von den "Alten", macht sich mit einem Segelboot auf den gefahrvollen Weg von Norwegen nach Südfrankreich. An Bord Kisten voll mit Blöcken, die man aus Gletschern herausgeschnitten hat, um daraus Eiswürfel für Drinks zu machen, die einem "Scheich in Saudi-Arabien oder Katar serviert werden". Signe ist fest entschlossen, die Blöcke ihrem einstigen Geliebten Magnus, den sie verantwortlich für den Abbau des Eises macht, vor die Füße zu kippen.

 

Im Jahr 2041 ist der junge Vater David zusammen mit seiner kleinen Tochter Lou auf der Flucht vor der alles versengenden Hitze. Die beiden landen in einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Bordeaux. Trinkwasser ist stark rationiert, es gibt kaum etwas zu essen, die hygienischen Verhältnisse sind schlecht und gewalttätige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Davids Hoffnung, die wasserreichen Länder im Norden Europas zu erreichen, schwindet. Da entdeckt er im Garten eines verlassenen Hauses ein altes Segelboot, Signes Segelboot ...

 

"Die Geschichte des Wassers" von Maja Lunde, btb Verlag, 480 Seiten.

Wells, H.G.: Die Zeitmaschine

Science-Fiction

Von tg

 

"Mir schien, dass ich auf eine Menschheit gestoßen war,
die im Verschwinden begriffen war. Der rote Sonnen-
untergang ließ mich an den Untergang der Menschheit denken."

 

H.G. Wells zählt – neben Jules Verne – zu einem der Pioniere der Science-Fiction-Literatur. Bekannt wurden vor allem seine Werke "Der Krieg der Welten" und "Die Zeitmaschine". Beide Romane sind nun in einer Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff erschienen. Mit Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel.

Die erstmals 1895 erschienene und seitdem mehrfach verfilmte, nur 128 Seiten umfassende zivilisationskritische Erzählung "Die Zeitmaschine. Eine Erfindung" ist die "Mutter aller Zeitreisegeschichten" und hat bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.

Wells Protagonist katapultiert sich durch die vierte Dimension ins Jahr 802701. Die Erde wird von schönen, friedlichen und kindlich anmutenden Wesen, den Eloi, bewohnt. Doch die Idylle trügt. Das scheinbare Paradies zeigt schon bald seine grauenvollen Schattenseiten. Entsetzt und angewidert kehrt der Zeitreisende für einen kurzen Moment in die Gegenwart zurück, wo er feststellen muss, dass er sich (auch) hier nicht mehr zu Hause fühlt ...

"Die Zeitmaschine" von H.G. Wells, dtv Verlag, 191 Seiten.



Növe, Tom: Querverkehr

Unterhaltung

Von tg

 

"Als sie den Sarg ins Treppenhaus stemmten, wankte Georg plötzlich. Der massenhafte Kaffee, er stehe das nicht durch. David stützte ihn und lud ihn vor Angelina ab. Georg klammerte sich an ihre Beine, die Nase in der Auslegeware. Ein Windzug schloss barbarisch die Tür."

 

Ist unser Weg vorbestimmt oder haben wir eine Wahl? Oder sollten wir lieber von Fügung sprechen? Wie können wir erkennen, dass uns das Schicksal die Hand reicht – und diese mutig ergreifen?

 

Im empfehlenswerten Roman "Querverkehr" verbindet der hannoversche Autor Tom Növe anspruchsvolle Unterhaltung mit der Frage nach der Willensfreiheit und dem Einfluss von Begegnungen auf unseren Lebensweg.

 

David hat Job und Wohnung gekündigt, das Flugticket in der Tasche und den Aktenkoffer voller Geld. Fünfzehn lange Jahre der Vorbereitung liegen hinter ihm. Da ruft die siebzehnjährige Nicole an und behauptet, er sei ihr Vater.

 

Zähneknirschend und grübelnd erwartet David in der leeren Wohnung das Eintreffen der vermeintlichen Tochter. Davon unbeeindruckt zieht die attraktive Nachmieterin Angelina ein. Wenige Tage später wird nichts mehr sein wie es war ...

 

Die desillusionierte, verheiratete Maria hat den alten Pietro bis zu dessen Tod gepflegt und sein heruntergekommenes Hotel geführt. Alessandro reist aus Italien an, um seinen Großvater zu beerdigen. Er ist von Maria fasziniert und macht ihr den Hof. Maria ist verwirrt. Sie begeht eine Dummheit, die beide in Gefahr bringt ...

 

Während sich die Geschichten der Protagonisten ineinander verstricken, funken ein eifersüchtiger Totengräber, ein Maskierter mit Waffe und ein durchgeknallter Weltverbesserer dazwischen – schließlich geht es um Liebe, Geld und durchkreuzte Pläne.

 

Eine, nein, zwei außergewöhnliche Liebesgeschichten. Mit Tempo und Tiefgang. Und einer Messerspitze Humor. Ein Roman, den man/frau bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen möchte. Geheimtipp! Zu bestellen online, z. B. über BOD (auch als E-Book) oder direkt im Buchladen.

 

"Querverkehr" von Tom Növe, Roman, Books on Demand, 147 Seiten, ISBN 978-3-8391-8898-9, 11,90 €.

 

Als HÖRBUCH-Download u. a. bei Audible

Növe, Tom: Alles oder nichts im Hier und Jetzt

Unterhaltung

Von tg

 

"Hier geschah etwas völlig Neues, eine Generation von Erleuchteten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte, erblickte das Licht der Welt. Überrumpelte Egos hingen in den Seilen und hissten die Friedensfahne."

 

Ein marodes Ferienhaus an der Ostsee, ein erloschener Leuchtturm, ein Retreatcenter und viele offene Fragen. Der Sommer ist schwül und launisch, die Atmosphäre elektrisch geladen.

 

Nach einer spontanen Erleuchtungserfahrung steckt Paul mitten in der schwersten Sinnkrise seines Lebens. Drauf und dran, seine Frau zu verlassen, erliegt er im Urlaub dem Zauber von Femme fatale Irene: "Der Sturm scharrte in den Startlöchern, Regen kollidierte mit dem Dach, der Himmel spie Funken und grollte. Sie entzündete die letzte Kerze. Und kam ohne Umschweife zum Thema: ‚Die Liebe.‘"

 

Daniel will alte Rechnungen begleichen und bringt sich dabei in Schwierigkeiten. In seiner Verzweiflung nimmt er die widerspenstige Polizistin Patricia als Geisel – und versucht, ihr Herz zu erobern.

 

Nichts ist mehr so wie es einmal war, und der Showdown unabwendbar. Denn der korrupte Bulle Ben, ein schmieriger Privatdetektiv und ein charismatischer Guru verfolgen eigene Ziele und schießen quer.

 

Die Zeit drängt, die Windsbraut tobt, die Hüllen fallen. Schließlich geht es um "Alles oder nichts im Hier und Jetzt" ...

 

Eine fesselnde Geschichte um die Macht der Fantasie, um Wahrheit und Freiheit, Erleuchtung, Verwandlung und Neubeginn, Sex und große Gefühle. Mit Tempo und Tiefgang. Und einer Messerspitze Humor.

 

Leserinnen und Leser, die Spiritualität leben, werden vieles wiedererkennen, was den Protagonisten widerfährt, und hier und da schmunzeln, wenn z. B. der Guru S.O.T. (source of truth) zum Satsang bittet. Aber auch wer einfach nur einen wirklich guten, anspruchsvollen und zugleich witzigen Roman lesen will, wird mit "Alles oder nichts im Hier und Jetzt" seine Freude haben.

 

Der empfehlenswerte Roman von Tom Növe ("Querverkehr") kann z. B. über Books on Demand, Thalia, Hugendubel oder (am besten) bei jedem Buchhändler vor Ort (!) bestellt werden.

 

Außerdem erhältlich als E-Book in E-Book-Shops wie Apple iBooks, den Tolino Shops oder Google Play sowie in vielen anderen Online-Shops.

 

"Alles oder nichts im Hier und Jetzt – Liebe, Erleuchtung, Gewitterneigung" von Tom Növe, BoD, 300 Seiten, ISBN 978-3-738-65587-2.

Crowley, John: Die Übersetzerin

Unterhaltung

Von tg

 

"Er sprach über Puschkin, wie sie ihn schon vorher sprechen gehört hatte, in seinen Kursen und den Nächten dieses Sommers; er las ausgewählte Zeilen in seiner honigdicken und melodiösen russischen Stimme, und sie fürchtete, ihr Herz müsste zerbersten."

 

1961. Während der Kuba-Krise lernt die junge Studentin „Kit“ Christa Malone an der Universität Innokenti Issajewitsch Falin kennen. Sie ist fasziniert von dem in die USA ausgewiesenen charismatischen Exil-Dichter. Er bittet sie, seine Gedichte ins Englische zu übersetzen. Die Macht der Poesie verwebt das Schicksal der beiden Wort für Wort, Stück für Stück miteinander. Doch ihre sich langsam entwickelnde Liebesbeziehung steht unter keinem guten Stern. Denn Falin, der gefährliche Geheimnisse hütet, wird bedroht. Kit fragt sich: Ist er ein Agent? Und wenn ja, auf welcher Seite steht er? Nach ihrer letzten gemeinsamen Nacht verschwindet Falin – ist er ermordet worden, hat er Selbstmord begangen oder sich in seine Heimat abgesetzt? Jahre später erkennt Kit rückblickend, was ihr geblieben ist: "Durch ihn hatte sie eine Möglichkeit zu sprechen wiedererlangt; ein Zuhause in ihrem Herzen; vielleicht sogar eine Welt, um darin zu wohnen, unzerstört."

 

Eine dichte, melancholische und hervorragend erzählte Geschichte.

 

"Die Übersetzerin" von John Crowley, Golkonda Verlag, 348 Seiten.


Didierlaurent, Jean-Paul: Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12

Unterhaltung

Von tg

 

"So Schätzchen, jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen, dachte Mathilde, während sie ein letztes Mal ihr Make-up im Rückspiegel überprüfte."

 

Elf preisgekrönte Kurzgeschichten von Jean-Paul Didierlaurant ("Die Sehnsucht des Vorlesers"). Darin geht es um Menschen, die ein kleines oder großes Geheimnis haben und sich in alltäglichen und nichtalltäglichen Situationen zu ungewöhnlichem Handeln entscheiden. So wie die verliebte Mathilde, deren Lieblingsort  eine Mautkabine ist, da hier niemand sehen kann, dass sie in einem Rollstuhl sitzt. Aber nicht nur von heiter-kuriosen und poetischen, auch von dunklen Begebenheiten wird erzählt, etwa vom Trauma eines Ex-Soldaten und von der Henkersmahlzeit eines Mörders.

"Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12" von Jean-Paul Didierlaurent, dtv Verlag (dtv premium), 154 Seiten.



Moers, Walter: Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Fantasy

Von tg

 

„Ich bin der Hai, der nicht weiterzieht. Ich bin der Sturm, der dein Schicksal durcheinanderwirbelt, bis kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Ich bin der Blitz, der wieder und wieder in dieselbe Stelle einschlägt.“


Prinzessin Dylia hat die seltenste Krankheit von ganz Zamonien, eine hartnäckige Form der Schlaflosigkeit, Insomnie genannt. Wenn Sie mal wieder tagelang kein Auge zutun kann, wandert sie durchs Schloss, denkt sich Pfauenwörter aus, macht Regenbogenerfindungen, sortiert ihre Träume oder sieht Zwielichtzwerge auf der Fensterbank ihres Schlafzimmers.


Als sie eines Tages im Bett liegt und auf ihren Erschöpfungsschlaf hofft, sitzt plötzlich ein „bestürzend hässlicher und kleinwüchsiger Gnom mit vielfarbiger Haut“ auf ihrem Brustkorb und stellt sich als Nachtmahr Havarius Opal, ihr schlimmster Alptraum, vor. Der unverschämte Eindringling erklärt der Prinzessin, dass er gekommen ist, um sie in den Wahnsinn zu treiben und ihr Ableben zu beschleunigen. Doch zuvor soll sie ein letztes Abenteuer, eine Reise ins dunkle Herz der Nacht erleben.

 

Die gefährliche Expedition führt Dylia und den Nachtmahr durch das Gehirn der Prinzessin, wo Realität und Traum nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind ...


Der siebte Zamonien-Roman von Walter Moers ist ein fantastisches, groteskes, wortgewandtes Märchen mit einer gekonnten Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Er entstand durch die Zusammenarbeit des Autors mit der am „Chronischen Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom (CFS)“ erkrankten Lydia Rode, die das Buch illustrierte.


„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ von Walter Moers, illustriert von Lydia Rode, Knaus Verlag, 338 Seiten.

Fforde, Jasper: Das Auge des Zoltars

Fantasy

Von tg

 

„Und dann sprang ich. Und zwar richtig. Sogar heute kann ich mich nicht erinnern, ob ich zur Gipfelseite oder zum Abgrund hinsprang, aber bei späterer Überlegung muss es wohl Richtung Abgrund gewesen sein.“


Die sechzehnjährige Jennifer Strange kümmert sich bei der Agentur Kazam um eine Menge ziemlich durchgeknallter Zauberer, von denen nur sechs die offizielle Genehmigung haben, Magie auszuüben. Zusammen mit dem jungen Zauberer Perkins und der verzogenen und verzauberten Prinzessin Shazine bricht sie zu einer gefährlichen Reise (Todesquote: 50 %) ins Cambrische Empire, einem benachbarten Königreich, auf. Sie muss ein legendäres Juwel, das Auge des Zoltars, finden – sonst wird der mächtige Shandar die beiden letzten noch lebenden Drachen töten.

 

Das dritte Abenteuer der gelungenen Reihe für junge Erwachsene ist gewohnt skurril und spannend, allerdings makaber und z. T. etwas brutal ...


„Das Auge des Zoltars“ von Jasper Fforde, one Verlag, 349 Seiten.

Teil 1:

 

"Die letzte Drachentöterin" von Jasper Fforde, one Verlag, 252 Seiten.

Teil 2:

 

„Das Lied der Quarktiers" von Jasper Fforde, one Verlag, 254 Seiten.

Paravel, Dominique: Die Schönheit des Kreisverkehrs

Liebesgeschichte

Von tg

 

"Sie lächelt, ohne ihn anzublicken. Die Zigarette ist bis zu den Fingern abgebrannt, sie wirft sie aus dem Fenster, schaltet hinunter, nimmt eine Kurve. Er sieht die Kilometer zusammenschmelzen. Bring mich weg. Bring mich woanders hin, ich bitte dich, bring mich weit weg."

 

Joaquin Reyes, Angestellter des im Umbruch befindlichen Unternehmens Savinco, soll für die kleine Gemeinde La Virote die Mitte eines Kreisverkehrs künstlerisch gestalten. Ein für seine Karriere wichtiges Projekt. Auf der – eigentlich kurzen – Geschäftsreise zu einer Sitzung des Gemeinderats wird Joaquin von der eigens dafür abgeordneten Marketingberaterin Vivienne Hennessy begleitet. Joaquin sitzt die Angst im Nacken, er wittert eine Falle. Vivienne, groß, spindeldürr, kühl und undurchschaubar, scheint alle Zeit der Welt zu haben, nimmt mit ihrem alten staubigen Mercedes anstelle der Autobahn die Nationalstraße, fährt in jedem Kreisel drei Runden, verlässt die vorgesehene Route aus unerfindlichen Gründen. Schnell wird klar, dass sie sich arg verspäten werden. Joaquin ist auf dem Beifahrersitz gefangen, schwankt zwischen Verzweiflung, Wut und Ohnmacht, driftet in Gedanken in die Vergangenheit ab und fürchtet sich vor dem "Treibsand der Hypoglykämie" – er ist Diabetiker und hält dies geheim, seine Tage sind festen, existenziellen Ritualen untergeordnet. Aber auch Vivienne, innerlich zerrissen und auf der Flucht, hat ein ängstlich gehütetes Geheimnis. Obwohl sie kaum unterschiedlicher sein könnten, kommen Joaquin und Vivienne sich Stück für Stück näher.

Eine kleine, dichte, großartig erzählte Geschichte, in der es für die Protagonisten um nicht mehr und nicht weniger als um Liebe und Freiheit, Leben und Tod geht. Ein Trip wie ein zunächst sprödes Roadmovie, erst langsam Fahrt aufnehmend, um dann in einem rasanten, dramatischen Finale zu enden.

"Die Schönheit des Kreisverkehrs" von Dominique Paravel, Nagel & Kimche Verlag, 173 Seiten.



Djian, Philippe: Marlène

Unterhaltung

Von tg

 

„All die Jahre im Einsatz war Richards Leben zu schützen der einzige Grund gewesen, alles durchzuhalten, ein ausreichender Grund, ein erlösender, der seiner eigenen Existenz einen Sinn gegeben hatte, und es tat gut, diese Rolle wieder einnehmen zu können, zu fühlen, wie sein Geist und sein Körper sich wieder annäherten.“


Dan und Richard sind von ihren Kriegseinsätzen traumatisiert und haben – zurück in ihrer Heimatstadt – Schwierigkeiten in ein normales Leben zurückzufinden. Während der besonnene Dan sich anpasst und versucht, seinen Alltag geduldig zu meistern, bringt sich der aufbrausende Heißsporn Richard ständig in Schwierigkeiten. Kein Wunder, dass das Verhältnis zu seiner Tochter Mona gestört ist und seine Ehe mit Nath Risse bekommen hat. Dan versucht zu vermitteln. Doch als plötzlich Naths Schwester Marlène auftaucht, die zu den Leuten gehört, „die Blitze anziehen“ oder „irgendeine Katastrophe“, kommen Liebe und Eifersucht ins Spiel und bringen das brüchige Gebäude von Dans und Richards Freundschaft zum Einsturz.


Mit lakonischer Klarheit, scharfäugig und ernst erzählt Djian von den Bemühungen seiner Protagonisten, das Wirrwarr ihrer Beziehungen und das Chaos der Gefühle zu ordnen und ein halbwegs normales Dasein zu führen. Und lässt sie am Ende gnadenlos scheitern.


„Marlène“ von Philippe Djian, Diogenes Verlag, 279 Seiten.

Annas, Max: Die Mauer

Thriller

Von tg

 

"Verrückt, dachte Moses, als er die Straße herunterlief. Erst der Referee und der andere Weiße. Und dann diese Security-Leute. Sie wurden immer mehr. Dabei hatte er nur einen alten Wagen, der nicht mehr fuhr, und brauchte Hilfe ..."

Was für ein Pech. Auto kaputt, Akku vom Telefon leer. Und das am heißesten Tag des Jahres. Der junge Schwarze Moses wollte doch längst bei seiner Freundin Sandi sein. Stattdessen irrt er in einer "Gated Community" herum, dem streng bewachten und durch eine Mauer geschützten und abgegrenzten Wohnbezirk betuchter weißer Südafrikaner. Eigentlich sucht er nur jemanden, der ihm behilflich ist, doch allein aufgrund seiner Hautfarbe ist er hier ein verdächtiger Außenseiter, auf den schon bald eine gnadenlose Jagd beginnt. Man hält Moses für einen Einbrecher, gar für einen Vergewaltiger. Eine kuriose Abfolge von Misstverständnissen, Feindseligkeit, Rassismus, Angst und Hass.

Das Einbrecherpärchen Nozipho und Thembinkosi befindet sich zur selben Zeit am gleichen Ort und macht eine schreckliche Entdeckung. Während "draußen" das Chaos ausbricht, besorgte Bürger, Sicherheitsleute und Polizisten die Nerven verlieren, verstecken sich beide in einem Kleiderschrank und müssen ebenfalls um ihr Leben fürchten.

Die Fronten zwischen Gut und Böse verwischen, und innerhalb weniger Stunden eskaliert die Situation.

Der Thriller von Max Annas ist spannend, schnell, auf den Punkt und sehr, sehr gut geschrieben. Die im Laufe der Geschichte zunehmende Gewalt ist erschütternd.

"Die Mauer" von Max Annas, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 221 Seiten.

Wray, John: Das Geheimis der verlorenen Zeit

Science-Fiction

Von tg

 

"Ich schreibe, um dich zu mir zurückzuholen, Mrs. Haven. das kann ich nicht leugnen. Ich will erneut ins Kontinuum, wenn auch nur, weil es der Ort ist – oder das Feld oder der Zustand –, in dem du existierst ..."

Der junge Waldemar Tolliver sitzt in der Bibliothek des vollgemüllten New Yorker Apartements seiner verstorbenen Tanten Enzian und Gentian. Er weiß nicht mehr, wie er dort hingekommen ist, aus unerklärlichen Gründen steht die Zeit für ihn still, und er spürt, er ist nicht allein. Es gibt nur einen Weg, um Mrs. Haven, die Frau des mächtigen und skrupellosen „First Listeners“ der Kirche der Synchronologie, die Frau, mit der ihn eine tragische Liebe verbindet, zu erreichen: er muss in die „normale“ Welt zurückkehren. Und dazu seine Familiengeschichte erforschen, aufschreiben und seinen Platz darin verstehen. Beginnend bei seinem Urgroßvater Ottokar, einem Gurkenfabrikanten und Hobbyphysiker, der just, als er dem Geheimnis der Zeit – und der Zeitreise – auf die Spur gekommen war, von einem Auto überrollt wurde.

"Das Geheimnis der verlorenen Zeit" ist ein wunderbarer, witziger, berührender Roman, der Wissenschaft, Philosophie, Zeitgeschichte und Science-Fiction geschickt miteinander verwebt. Und es schafft, 734 Seiten anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten!

"Das Geheimnis der verlorenen Zeit" von John Wray, Rowohlt Verlag, 734 Seiten.