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Hofstetter, Yvonne: Sie wissen alles

Big Data

Von tg

 

„Die Vernetzung ist es, die aus dem neuen Gut des Informations-Kapitalismus, den Daten, jenen virtuellen Zombie – das Ganze – hervorbringt, der mehr ist als nur die Summe seiner Einzelteile. Diese digitale Beobachtung und Berechnung des Menschen wird eine neue Gesellschaftsform hervorbringen: die Kontrollgesellschaft.“


Kein Zitat von Kapitalismusgegnern oder Verschwörungstheoretikern, sondern die Aussage einer Frau, die es wissen muss. Yvonne Hofstetter ist IT-Unternehmerin. Ihr Arbeitsschwerpunkt: Fusion und Analyse großer Datenmengen für Staat und Industrie auf der Basis wissenschaftlichen Programmierens und künstlicher Intelligenz. Kurz gesagt: Es geht um Big Data. Der virtuelle Zombie: Sie und ich und jeder, der in irgendeiner Form technische Errungenschaften benutzt bzw. benutzen muss.


Die Autorin ist also Insiderin, und sie sieht die Demokratie in Gefahr. In fünf Kapiteln gewährt sie Leserinnen und Lesern einen fundierten Blick hinter die Kulissen, warnt vor intellektueller Emanzipation der Maschinen, zeigt das gefährliche Spiel von „Big Money“, das uns womöglich auf die nächste Finanzkrise zusteuert, spricht von „Diktatur“ und Aufbruch.


Big Data ist „der Bund zwischen Kapitalismus und Diktatur mit der Verheißung neuer profitabler Geschäftsmodelle der totalen Überwachung.“ Dass Militär, Geheimdienste und Staaten Algorithmen, mathematische Modelle und künstliche Intelligenz nutzen, um immer flächendeckender Daten zu sammeln, die nicht vor der Privatsphäre halt machen, ist mittlerweile in unser Bewusstsein gedrungen. „Umso tragischer ist unsere bürgerliche Gleichgültigkeit“, stellt Hofstetter fest, „gegenüber einer exzessiv gewordenen Datensammelwut.“  Die uns auch von (globalen) Unternehmen droht. Denen es (ebenso) darum geht, „Macht und Reichtum durch Kontrolle zu erlangen.“ Allein der Kommentar vieler deutscher Bundesbürger nach den Enthüllungen Edward Snowdens: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“, zeugt davon, dass der Privatsphäre und ihren Geheimnissen kein Stellenwert mehr beigemessen wird – also einem Zustand der Freiheit ohne Beobachtung oder Störung durch Dritte.


Doch selbst wer sich datensparsam verhält und selten digitale Medien nutzt, entkommt der Beobachtung nicht. Passive Überwachung geschieht gegen den Willen des Menschen – durch belauschte Glasfaserkabel, durch „dauerhaft eingeschaltete Mikrofone der neuesten Smartphone-Generation“, durch das Internet der Dinge. Aus all diesen Daten wird unser virtueller Zombie zusammengerechnet, ein zu „optimierendes“, lenkbares Objekt. Mit dem Ergebnis: „Der Mensch weiß nicht mehr, was andere über ihn wissen“. Und: „Was er nicht freiwillig weggibt, wird ihm entzogen. Was er nicht mehr selbst kommuniziert, sammeln intelligente Maschinen und Sensoren nebenbei in seinem Alltag auf“.


Big Data ist nicht mehr aufzuhalten. Aber die Spielregeln soll und muss der verantwortungsbewusste Bürger selbst bestimmen können. Am Ende ihres Buches stellt Hofstetter die Frage: „Ist der freie Mensch noch zu retten?“. Und entwickelt die Vision für ein „Upgrade der Gesellschaft“. Mit klaren Regeln und zehn formulierten Aufgaben für den Einzelnen, Staat und Technologen, fordert sie eine gesellschaftliche und rechtliche Neuordnung, die die Trennung zwischen Mensch und Kapital überwindet, eine soziale, humane Informationsökonomie.


Die zehn Aufgaben sind:


Aufgaben des Einzelnen
1.     Persönlichen Daten Vorrang einräumen (Stichworte: Bewusstsein / Grenzen ziehen)
2.     Zivilen Widerstand leisten (Selbstverantwortung / Freiheit / Würde)


Aufgaben des Staates
3.     Grundrechte für Datensubjekte schaffen (Menschenwürde / Datenschutzgesetze)
4.     Internationale Algorithmenabkommen schließen (Wahrung des Grundrechtsschutzes)
5.     Machtkonzentration bekämpfen (Big-Data-Giganten / Alternativen)
6.     Besteuerung revidieren (Steuerrecht als Regulativ)
7.     Den Staat professionalisieren (Technologisch gebildete Abgeordnete)
8.    Die Finanzierung für Europas IT-Projekt sicherstellen (Europa hinkt hinterher)
9.     Klare Grenzen zwischen Mensch
und Maschine ziehen (Gesellschaftsweites Technikethos)


Aufgaben der Technologen
10.     Maschinen sozialisieren: Conventions by Design (Verhaltens- und Interaktionsregeln)


Ein wichtiges, mutiges und aufrüttelndes Buch!


„Sie wissen alles“ von Yvonne Hofstetter, C. Bertelsmann, 352 Seiten.

Herles, Benedikt: Zukunftsblind

KI und Robotik

Von tg

 

„„Dieses Buch ist ein Weckruf. Zukunfts-blindheit können wir uns nicht leisten.“


Künstliche Intelligenz soll den Wohlstand in Deutschland und der EU sichern, teilt das Presse- und Informationsamt auf der Webseite der Bundesregierung mit. Dazu will der Bund bis 2025 etwa 3 Millarden Euro investieren. KI soll verantwortungsvoll und gemeinwohlorientiert genutzt und in einen „Rahmen eines breiten gesellschaftlichen Dialoges und einer aktiven politischen Gestaltung ethisch, rechtlich, kulturell und institutionell in die Gesellschaft eingebettet werden“.


Klingt erst mal gut. Aber wie sieht es in der Realität aus? Weniger rosig, meint Benedikt Herles, dementsprechend trägt sein Buch den vielsagenden Titel „Zukunftsblind“. Herles spricht gar von der „Berliner Blindheit“, denn unser „Staatsmanagement reagiert doch nur. Es verspielt den Wohlstand und sozialen Frieden kommender Generationen, weil es sich weigert, langfristig zu denken und zu handeln“. Die dramatische Sprengkraft der technologischen Umwälzungen ist bereits heute an zunehmenden sozialen Missständen zu spüren, es ist also dringend geboten, dass wir uns „mit dem auseinandersetzen, was uns blüht“.


Der junge Autor kennt sich aus, erlebt als Start-up-Investor weltweit die wissenschaftlich-technologische Revolution. Und die ist nicht auf KI und Robotik beschränkt. Im Bereich der Mikrobiologie greifen Forscher ins Erbgut ein und streben nach dem ewigem Leben.


Herles bewahrt einen klaren Blick, wägt Chancen und Risiken gegeneinander ab und wagt eine Aussicht auf das, was uns – wenn wir nicht wachsam sind – morgen erwarten könnte: „eine ökonomische und biologische Polarisierung der Gesellschaft, eine kollektive Fremdherrschaft sowie eine moralische Krise“. Doch die „Rettung der Zukunft gelingt nur mit Innovation, nicht ohne sie“. Mit einem Zehn-Punkte-Plan zeigt Herles den politischen Handlungsbedarf auf. Und lässt uns zum Schluss an seinem optimistischen Traum von Deutschland im Herbst 2051 teilhaben.


„Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ von Benedikt Herles, Droemer Verlag, 304 Seiten.