Tantra Today
Sex veranstaltet in unserer gegenwärtigen Kultur einen großen Lärm, der noch in den abgelegensten Winkeln der Gesellschaft zu hören ist. Sex sells – Produkte werden mit erotischen Bildern aufgeladen, um sie zu verkaufen. Die junge Generation wächst mit Pornos auf, deren mildeste Form so aussieht, wie das, was in den 80er-Jahren "hardcore" hieß ...
Porno goes Pop. Daraus erwächst der Drang, sich alles sofort einzuverleiben – Essen, Unterhaltung, Sex. Aus dieser Konsumhaltung entsteht Überdruss und auch Verletzung. Das führt dann oft zu Verweigerung und Rückzug – Sexualität wird zu einer Herausforderung, die man sich kaum noch zutraut.
Wir haben eine aggressiv-erotische Gesellschaft
Die Schreckensvision heute ist das Nicht-Begehren. In den 68er-Jahren kämpfte man in der sexuellen Revolution gegen die Unterdrückung der Lust – sinnvollerweise, denn wir hatten eine Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung der Sexualität.
Was wir heute aggressiv betreiben, ist eine Entzauberung und Technisierung der Sexualität. Körper wie Objekte. Funktionale Lust. Pflicht zum Orgasmus. Das Leistungsprinzip wird auch auf die Sexualität angewendet. Durch die Medien wissen wir sehr genau, was die anderen (angeblich) so treiben, wie sie es treiben, wo und warum, wie oft und mit welchen Varianten. Wir treten zwangsläufig in einen quasisportlichen Wettbewerb. Wir suchen nach Trainingsmethoden und Tricks, damit unsere Übung besser gelingt. So wird heute auch Tantra vor diesen Karren gespannt: mehr erleben, intensiver, sensationeller!
Der ursprüngliche tantrische Weg ist ein Weg der Entspannung
Es ist ein "weiblicher" Weg in dem Sinne, dass er rezeptiv ist. Im Tantra geht es darum, nach innen zu gehen. Dem, was ich dort finde, Raum zu geben. Berührbar zu werden.
Das steht im Gegensatz zu unserer Kultur, wo es sehr um das "Außen" geht, das "machen" und kontrollieren.
Beim originär tantrischen Weg ist die Sexualität nicht bedeutsamer als alles andere. Es geht darum, Achtsamkeit in alle Aspekte des Lebens hineinzubringen. (Essen, Fahrradfahren, tippen, lieben, kacken …) Tantrismus ist eine Lebenspraxis. Ich kann dort lernen, wie ich sexuell sein und damit zugleich entspannen kann. Dann tun sich innere Erlebensräume auf – tief, köstlich, nachhaltig lebendig. Auch beim Sex.




