Djian, Philippe: Doggy Bag
"Als David erneut zu Marcs Büro hinaufblickte, zersplitterten die Fenster mit entsetzlichem Getöse ..."
Édith erscheint so fulminant auf der Bildfläche, wie sie vor 20 Jahren verschwunden ist. Doch das unerwartete Wiedersehen mit ihrer "Jugendliebe", wegen der sich die Brüder David und Marc fast umgebracht hätten, und die daraus entstehenden Verwicklungen sind nicht der einzige Zündstoff in Phillippe Djians "literarischer Soap", in der schon mal "nebenbei" ein Haus einstürzt oder eine Scheune in Flammen aufgeht. Es werden Intrigen gesponnen, es wird geliebt und gehasst. Erotische, nicht selten hysterische Frauen, und dickköpfige, sexbesessene Männer geraten aneinander. Ach ja, schnelle Autos kommen auch vor. Die Zutaten für eine klischeehafte, vorhersehbare Story wären also angemischt ... Wenn nicht Djian ein hervorragender Schriftsteller wäre, der einen ausgefeilten, schnörkellosen und kraftvollen Stil pflegt. Souverän lenkt er das turbulente Treiben der Handelnden, diktiert den Rhythmus der Geschichte und wartet mit jeder Menge Überraschungen auf, die nicht immer leicht verdaulich sind. Dabei wirft er einen schonungslosen, mitunter bitterbösen Blick auf das Geschehen, wechselt zwischen den Personen hin und her und schwenkt abrupt auf einen neuen Schauplatz. "Ich versuche mich auf demselben Terrain durchzukämpfen, auf dem sich das Fernsehen bewegt, und ich versuche die zurückzuerobern, die kein Buch mehr aufschlagen und nur noch auf den Bildschirm starren. Die Schlacht ist vielleicht von vornherein verloren, aber man muss sie trotzdem schlagen ..."
Anfänglich fällt es schwer, die Akteure ins Herz zu schließen, denn sie zeigen sich von ihrer besten "Schattenseite". Doch die verletzlichen Anteile brechen sich langsam Bahn, stille Wasser sind bekanntlich tief und in der Finsternis strahlt ein Stern umso heller. Nach dem emotionalen Finale von Teil 1, möchte man sofort die Fortsetzung aufschlagen und weiterlesen ...
"Doggy Bag" von Philippe Djian, Teil 1 bis 6, durchschnittlich je ca. 250 bis 310 Seiten, Diogenes Taschenbuch.
Für "Djian-Einsteiger": Die sechs Kurzgeschichten in "Krokodil" sind skurril, witzig, ernst und tragisch. "Betty Blue", von Jean-Jacques Beineix verfilmt, erzählt von einer "verrückten Liebe". "Eine Liebeserklärung an die Poesie des Alltags", die Geschichte einer Vater-Sohn-Beziehung und die einer sich langsam entwickelnden Liebe ist "Rückgrat", und – diese subjektive Anmerkung sei erlaubt – sein schönstes Buch!




